• Harfe auf amerikanisch

    Auf einem seiner wenigen öffentlichen Fotoporträts wirkt Virgil Thomson sehr ernst und angestrengt wie nach einem 11-Stunden-Arbeitstag, was seine abwechslungsreichen Kompositionen, namentlich diejenigen von den späten 1940ern bis in die 1960er Jahre, nicht eben widerspiegeln. Vielmehr verstand es der Harvard-Absolvent schon bald nach seiner Studienzeit in Paris bei Nadia Boulanger Schlaglichter hintergründigen Humors auf originär amerikanische Genres und Lieder zu…

  • „Schiefrunde“ Perlen jenseits der Oder

    Zwischen der hochartifiziellen Warschauer Hofmusik zu Zeiten von Fürst Władysław IV. um 1635 und der frühklassischen Instrumentalmusik in Polen ab etwa 1760 liegen nicht nur Zeiten, sondern auch Welten. Bedingt durch die enge Bindung der Kirchenmusik an das Königshaus in der Barockzeit und durch die verheerenden Teilungen des Landes als Spielball inmitten der Mächte Preussen,…

  • Musical kontemporär

    Beim neueren Jukebox-Musical handelt es sich um ein Phänomen, das sich in den letzten zwanzig Jahren auch in anderen Bereichen öffentlicher Kunst beobachten lässt: Nicht mehr wird ein etwa etablierter Stil, wie er hier für die West Side Story oder noch Das Phantom der Oper repräsentativ sein mochte, weiterentwickelt, sondern jeder Komponist bedient sich seiner eigenen Sujetwahl und…

  • Zum Start in laue Hochsommerabende

    Nicht nur Gioacchino Rossini bewies in seinen komischen Opern einen Sinn für abendliche Stelldichein-Szenerien, mit Vorliebe zur Sommerzeit in einem ansprechenden Ambiente, häufig einer Parklandschaft. Die geheimnisvolle, romantische Atmosphäre eines halbwilden Gartens erweckt Götterbilder zum Leben und markiert die Zeit, in der sich Verliebte treffen. In vielen europäischen und amerikanischen Filmen dient die Party vor Sonnenuntergang auf…

  • Disziplin jenseits der Olympischen Spiele

    Etliche renommierte brasilianische Komponistinnen und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts widmeten dem derzeit wohl bedeutendsten Sänger des Landes, dem Bariton Renato Mismetti, ihre Werke. Die Reihe der Namen ließe sich noch fortsetzen: Zu ihnen gehören Kilza Setti, Violeta Dinescu, Edino Krieger, Marlos Nobre, Osvaldo Lacerda, Jorge Antunes, Almeida Prado, Ronaldo Miranda und Gilberto Mendes. Auf internationalem Parkett arbeitete er…

  • Marimbaklänge mit Märschen auf Tuchfühlung

    Von offizieller Seite wird die Entwicklung einer klassischen „Szene“ im Staat an der äußersten Nordwestkante des karibischen Meers gerne mit dem Namen von Carl Härtling in Verbindung gebracht. Nach Musikstudien in Weimar und Leipzig und mit einem Münchener Examen in der Tasche verschlug es den knapp Siebenundzwanzigjährigen bald, nämlich 1896, nach Honduras, wo er fortan als…

  • Blaskapellen – auf der anderen Seite des Globus

    Während sich überhaupt in der westlichen Welt Brass Bands nicht nur in der Spielart der bayerisch-österreichischen Blaskapellen anhaltender Beliebtheit erfreuen, hat seit 2010 hierzulande besonders Andreas Martin Hofmeir mit seiner klanglich wandlungsfähigen Tuba einen Trend gesetzt; nun legt er mit seiner Live-Lesung Kein Aufwand auch Rechenschaft über ein bisher scheinbar recht entspanntes Musikerleben ab, Liebeslieder aus Argentinien,…

  • Professionelle Grenzüberschreitung

    Luciana Souza, in São Paulo aufgewachsene Tochter der Dichterin Teresa Souza und des komponierenden Gitarristen Walter Santos, begeistert als kreative Sängerin vor allem das Jazzpublikum weltweit: Legendär und mit dem Grammy Award nominiert sind längst die Alben North and South (2003), Duos II (2005) oder The Book of Chet (2012) der Bossa-Nova-Interpretin. Dabei könnte leicht in Vergessenheit geraten,…

  • „The Great American Opera“: eine bloße Idee?

    Was derzeit auf öffentlichen Bühnen jenseits des Atlantiks zu erleben ist, nämlich der Kampf um die Präsidentschaftskandidatur, ähnelt häufig genug einem Polit-Theater oder einer theatralischen Inszenierung des Politischen. Demgegenüber erscheinen die Resultate aus den Bemühungen um eine „wahrhaft“ amerikanische Oper seit 1900 eher harmlos. Worum es ging, war eine lange ins 20. Jahrhundert hinaus verschobene…

  • Hörenswerte Stimmen aus der Fachwelt

    Die nun fast schon 70 Jahre hindurch auf dem Fachpressemarkt etablierte Zeitschrift Die Musikforschung wartet in ihrer zweiten Nummer 2016 neben vielem anderen Lesenswerten mit einer kritischen Nabelschau auf derzeitige Trends innerhalb der Musikwissenschaft auf. Kurz gesagt läuft der Beitrag der feldforschungsversierten Göttinger Musikethnologin Birgit Abels wenn auch auf keine Abrechnung, so doch auf die Bewusstmachung einer aktuellen Schieflage…