Kategorie: Reviews
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Das Mediaevum im Rücken
So lange lagen die aus heutiger Sicht grauen, lichtarmen Jahrhunderte noch nicht zurück, da entpuppte sich auf dem Feld der Kirchenmusik ein vielfarbig schillernder Schmetterling, der der Kunst des Mittelalters keinen Blick zurück mehr gönnte. Erst 1480 taucht Jacob Obrecht zu Bergen op Zoom als Sangmeister, will sagen: Chorleiter aus dem Dunkel der Geschichte auf.
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Hoffnung, Verrückung und Erlösung
Im Mittelpunkt des Konzerts am gestrigen Donnerstagabend standen Peter Maxwell Davies‘ Eight Songs for a Mad King, sicher nicht widerstandslos uraufgeführt Anno 1969. Extreme an den Rändern und den Spitzen der Gesellschaft, Inhalte wie die Tiraden eines verrückt gewordenen Königs zum Beispiel muss aber eine pluralistische Kulturlandschaft schon aushalten – sie tat es bereits im Falle von Shakespeares skurril-grotesken…
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Unruhestifter im Hotel
Als Regisseur beinahe zum Greifen nah stellte sich Regisseur Hendrik Müller nach dem Schlusstableau der gestrigen Erfurter Theaterpremiere von Fra Diavolo oder Das Gasthaus zu Terracina, situiert in den Abruzzen und uraufgeführt 1830 in Paris, dem Publikum vor.
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„Very First Lady“ der afroamerikanischen Symphonik
Den gesellschaftlichen Vorbehalten gegenüber der schwarzen Bevölkerung der USA geschuldet gelang deren Professionalisierung – oft unter großen persönlichen Mühen und Selbstaufgabe – im Bereich der klassischen Musikszenen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die erste afroamerikanische Frau, die eine Symphonie schrieb, war die 1887 in Little Rock geborene begnadete spätere Komponistin, Musikerin und Hochschullehrerin Florence Beatrice Smith.…
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Die griechische Monochordlehre und ihre Folgen
Um es vorweg zu klären: Das Monochord und seine Skala mit den sechs perfekten Oktaven wurde lange Zeit dem vorsokratischen Philosophen und Mathematiker Pythagoras zugeschrieben, Belege für diese Behauptung fehlen aber.
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Nicht nur ein Meister am Klavier
Nach den Liedern La Malagueña und Siboney, mit denen er weit über Kuba hinaus bekannt wurde, schrieb Ernesto Lecuona, Sohn eines von den Kanaren eingewanderten Journalisten, überwiegend Stücke für das Klavier, die Folkloristisches verarbeiten, genuin Musik für den Tanzboden sind; einige sind so nah am Ragtime und dem afroamerikanischen Blues, dass man glaubt, Scott Joplin und seine Nachfolger um die Ecke…
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Katalyse statt Analyse oder: Zauberer am Pult
Sergej Rachmaninoffs Bonmot, im Programmheft des Theaters Erfurt von Ruth Hardt zitiert, Musik sollte „der Ausdruck der komplexen Persönlichkeit eines Komponisten“ und kein Ergebis theoretischer Konzeption sein, fand im offiziellen Antrittskonzert von Generalmusikdirektor Myron Michailidis an diesem Donnerstag- und Freitagabend lebhafte Bestätigung. Gleich einem Zauberer leitete der neue Chefdirigent und mehrfache Preisträger durch die nicht nur…
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Bizet im Hintergrund?
Die Ähnlichkeiten sind nicht zu überhören: Vergleicht man Arthur de Greefs Humoresque für Orchester mit Georges Bizets deutlich älterer 1. Arlésienne-Suite, so fällt neben der melodischen Gestaltung die metrisch verwandte, spondeisch getragene Deklamation des Themas auf, auch wenn im ersten Fall ein heiterer Zug, im zweiten ein konkret vom Militärmarsch inspirierter Ton vorherrscht. Eine der frühen Einspielungen eines Shooting Stars unter den…
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Paukenschlag zur neuen Brügger Saison
Brüssels Philharmonisches Orchester geht mit seinem Chefdirigenten Stéphane Denève noch vor dem Kalenderherbstbeginn in eine neue Spieletappe, die vierzig Auftritte wiederum in den akustisch besten Sälen Belgiens und auf Nordamerikatournee umfassen wird. Den Anfang bestimmte am Samstagabend ein Programm der frühen Moderne und der Gegenwart: Neben Ralph Vaughan Williams‘ sonst eher selten gespieltem symphonischem Chorwerk Serenade…