Kategorie: Konzertreviews

  • Engelsstimmen über der Tiefe

    Eine Fliesenillustration am U-Bahnhof Deutsche Oper in Berlin verewigt einen französischen Komponisten der Romantik, dem (nicht nur) gelegentlich ein Hang zum Empfindsamen ebenso nachgesagt wurde wie eine leicht schwebende, gesanglich gefällige Melodie- und Orchesterstimmenbehandlung. Charles Gounod (1818 – 1893) verzichtete auf übertriebenes Pathos, die Auslotung der Extreme und suchte nach einer lyrischen Musiksprache, die manchmal Volkstümliches einbezog.

  • Sinnfällig und ungewöhnlich

    Einmal mehr konnte das Programm des Theaters Erfurt gestern Abend mit Nicht-Alltäglichem punkten: Zum 10. Konzert dieser Spielzeit kam eine ebenso unkonventionelle wie charmante Konstellation zustande: Dirigent Patrik Ringborg kommt aus Stockholm, wo er nach längeren Intermezzi in Freiburg und Weimar wieder wirkt, demnächst in seiner Eigenschaft als Generalmusikdirektor in Kassel mit Mozarts Le nozze di…

  • Shakespeare grüßt nur aus naher Ferne

    Nach diesem Namen wird man in den meisten populären Opernführern umsonst suchen: Über Italien hinaus ist von dem 1883 im oberitalienischen Rovereto geborenen und späteren Mascagni-Schüler Riccardo Zandonai nur in Fußnoten zu lesen. Möglicherweise liegt dies an seiner Zwischenstellung – nach Puccini und noch ohne Bezug auf „neue Schulen“ wie diejenige Arnold Schönbergs -, was eine langanhaltende…

  • Verinnerlichung und Improvisation

    Es bestehen Kongruenzen zwischen der Denkweise, wie ein Architekt einen Hausbau und der Komponist den Grundriss für einen musikalischen Satz plant, den er aus einem knappen Einfall entwickeln kann. Der Nachvollzug, mit welchen technischen und gestalterischen Mitteln ein Präludiums oder eine Fuge in der Barockzeit entworfen wurde, bedeutet, in die innere Substanz eines erdachten oder erst zu…

  • Mit Fantasie ausgewählt

    An diesem Freitagabend war im Vorfeld zur Schubertiade 2017 vom 29. bis 30. April am Theater Erfurt anlässlich der zweiten Aufführung des 6. Symphoniekonzerts der Saison ein kontrastreiches Programm mitzuerleben. Ein solches Konzept, diesmal ohne Alte Musik im engeren Sinn, scheint auch aufzugehen, denn offensichtlich hatte sich erneut ein buntgefächertes Publikum eingefunden. Zur Einstimmung gab es Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre Romeo…

  • Hercules: Mythos und Melos

    Zur Darstellung mythologischer Inhalte muss ein Regisseur nicht zwingend ein großes Farbspektakel inszenieren, doch kommt es, wie das Erfurter Theater heute Nachmittag zeigte, auch auf die Hell-Dunkel-Kontraste an, gerade wenn der Stoff ins Abgründig- Tragische kippt. Dies ist bei GF Händels Oratorium Hercules – uraufgeführt in London 1745 – nämlich wie bei Dutzenden von Realisationen antikisierender Musikdramen…

  • „Göttliche Eingebung“ oder Endmarke symphonischer Möglichkeiten?

    Mit Ludwig van Beethovens 9. Symphonie, stellte Robert Schumann in seiner Besprechung von Berlioz‘ Symphonie fantastique fest, seien „Maß und Ziel“ der Gattung „erschöpft“. Die vorläufige Kapitulation machte scheinbar nur noch exzentrische Gegenentwürfe möglich oder epigonale Imitation des Vorhandenen. Solche Annahmen wurden verstärkt durch die Tendenz zur Vereinnahmung durch den sich entpuppenden Gesamtstaat Deutschland, wo man mit…

  • Mephisto hinters Licht geführt

    Mit Schwung, Gleichmaß und dem tschechischen Melos angemessenen Temperament dirigierte am Vorabend zum vierten Advent die schon in Luzern und Katowice erfolgreiche griechische Dirigentin Zoi Tsokanou durch einen langen Opernabend: Bedřich Smetanas „Nationaloper“ Die verkaufte Braut, uraufgeführt 1866 in Prag, brach sich damit nun am Theater Erfurt Bahn; Interesse und Neugier waren im Vorhinein groß, was sich…

  • Verführungskunst als Treuebeweis?

    Dass Richard Wagner, sonst auch bekannt für antisemitische Ausfälle, gegen Mozarts Così fan tutte wetterte, macht diese oft mit dem Verdikt des Albernen belegte Oper als eine seiner letzten erst richtig sympathisch: Einmal, weil sie der realen Menschenwelt den Spiegel vorhält, zweitens, weil sie von fortgeschrittenem melodischem Einfallsreichtum ist, der die klassische Maßschneiderei auch einmal vergessen lässt.…

  • Anverwandlung

    Bei allem Allzumenschlichen, Unduldsamen und Widersprüchlichen, das der Person Martin Luthers anhaftet, bleibt doch eine Erkenntnis des Wittenberger Reformators unumstößlich: Der Glaube bedarf der Neuformulierung im Sinne einer Anverwandlung, um für den Menschen greifbar zu bleiben. Mit der Übertragung des Alten und des Neuen Testaments ins Gegenwartsdeutsch seiner Zeit leistete der gelehrte Mönch einen bis heute…