• Sinnfällig und ungewöhnlich

    Einmal mehr konnte das Programm des Theaters Erfurt gestern Abend mit Nicht-Alltäglichem punkten: Zum 10. Konzert dieser Spielzeit kam eine ebenso unkonventionelle wie charmante Konstellation zustande: Dirigent Patrik Ringborg kommt aus Stockholm, wo er nach längeren Intermezzi in Freiburg und Weimar wieder wirkt, demnächst in seiner Eigenschaft als Generalmusikdirektor in Kassel mit Mozarts Le nozze di…

  • Stilistischer Pluralismus auf Montserrat

    Der Reggae und seine weitverzweigte Nachkommenschaft sind als echter Karibikexport weltweit bekannt, die Musikstile der europäischen Invasoren haben in den letzten dreißig, vierzig Jahren an Popularität dagegen durchaus eingebüßt- sieht man einmal von lokalen Einzelerscheinungen ab: Im Inselstaat Montserrat an der östlichen Kante der Kleinen Antillen behaupten sich irisch beeinflusste Formationen neben dem bei den Einwohnern afrikanischer Herkunft…

  • Mode mit langem Atem

    Selbst so bedeutende Kompositionslehrer wie Leonardo Leo und Francesco Durante hätten zu Beginn ihrer Karriere in Neapel wohl nicht im Traum damit gerechnet, welch nachhaltige Entwicklung ihr für damalige Verhältnisse exklusiver Stil in der Schülerschaft zeitigen würde. Die Rede ist hier unter anderen von Niccolò Jommelli, Giovanni Battista Pergolesi, Tomaso Traetta und Gian Francesco de Majo. Als…

  • Klassische Gitarre trifft Jazzgitarre

    Ohnehin nicht alltäglich ist ein Musikstudium, in dem die Perfektionierung im klassischen Gitarrenspiel mit dem Kompositionsunterricht parallel läuft. Noch unkonventioneller erscheint es vor allem aus europäischer Sicht, wenn sich ein Studium in Jazzgitarre anschließt, denn bekanntlich können die US-Hochschulen mit einem professionellen Angebot auch in der Popularmusik und ihrem Instrumentarium punkten. Nicht von ungefähr hört…

  • Goldwerte Antiphone

    Kürzlich machte Domingos Lins Brandão darauf aufmerksam, dass in Minas Gerais seit dem 17. Jahrhundert eine Vermischung kultureller Einflüsse stattfand, beginnend mit den Motetten des Portugiesen Francisco Martins (1625 – 1680), die zu der verbreiteten archaisierenden Sammlung Motetos de Piranga hinführten. Der nicht leicht zu identifizierende Dialog zwischen europäischen und brasilianischen Modellen von Stimmführung und Harmonik scheint etwa verantwortlich gewesen…

  • Arbeit am Laptop – einmal anders

    Zumindest im Live-Kontext dürfte diese Konstellation nicht häufig sein: das Zusammentreffen von Laptop und Symphonieorchester. Gordon Hamilton lieferte für diese Besetzung eine kurzweilige Reihung von 482 Variationen auf ein sehr kurzes Thema, nämlich einem Ausschnitt aus einem Beatles-Song. „Sehr kurz“ ist hier wörtlich zu nehmen und bezieht sich auf drei ganze Töne, die vom Orchester…

  • Alice im Ballettformat

    Noch in der aktuellen Saison des Teatro San Carlo in Neapel wird die Premiere eines denkwürdigen, da mehr als 35mal (!) vertonten Barocklibrettos mitzuerleben sein. Anders als Händels oder Hasses Version von Pietro Metastasios Siroe, Re di Persia (1726) wird freilich die erste musikdramatische Umsetzung des orientalischen frühmittelalterlichen Stoffs um den Perserkönig Cosrau II. und seinen…

  • Passages

    1995 und damit ein Jahr bevor Adrienne Elisha beim Warschauer Herbst als Komponistin und Bratschistin in eigener Sache auftrat, feierte ihr Orchesterwerk Passages Geburtstag. Der Titel bezeichnet gewissermaßen das Phänomen Musik als solches, da dieses per se durch ein der Zeitlichkeit unterworfenes Entstehen und Verwehen, seinem etymologischen Gehalt nach aber auch durch das „Leiden“ an dieser Vergänglichkeit charakterisiert sein…

  • An einem Ostermorgen

    Johann Peter Emilius Hartmanns Beitrag zum Karfreitag folgt einem getragenen Moderato-Maß, steht allerdings nicht in Moll, sondern seltsamerweise in der sonst eher versöhnlichen Tonart F-Dur. Das daran anschließende erst besinnliche, danach aber auffahrende Allegretto der nur zweisätzigen Orgelsonate op. 47 widmet sich dann dem Anlass des Ostermorgens. Einer der großen Experten französischer Orgelmusik, Hans Fagius, spielte das ungewöhnliche kleine Meisterstück für das Label Dacapo…

  • De manera mexicana

    Seit sich Carlos Chávez (1899 – 1978) mit seinem Werk, etwa den Cantos de México oder Xochipilli Macuilxóchitl – einer Widmung an den alten Musikgott – für die Vergegenwärtigung aztekischer Musik einsetzte, fällt trotz etlicher kultureller Schnitte sein langer Schatten immer noch voraus bis in die nahe Zukunft. Denn sein zweiter Coup bestand darin, die aktive Besinnung…