Neugier auf das Experiment

Die südkoreanische Komponistin mit Wahlheimat Deutschland und Frankreich verfügt über eine breite Palette an Stilerfahrungen aus verschiedenen Epochen: Sie startete in Hamburg, wo sie bei Györgyi Ligeti studiert hatte, mit postseriellen Werken, und als diese als überholt angesehen wurden, wandte sie sich postmoderner elektronischer Musik zu, die auch um Klänge traditionelle Instrumente angereichert wurde. Unsuk Chins Zusammenarbeit mit dem Ensemble Intercontemporain prägte ihr Schaffen nachhaltig.

Insistierende harmonische Klangfolgen und Rhythmen machen Unsuk Chins Orchesterwerk ‚Graffiti‘ aus (Wergo 2014, Marco Blauww, ASIN: ‎ B00NBB9YSY). Dessen Einspielung liegt auch auf einer neuen CD von 2026 vor.

Großen Einfluss übte zudem die indonesische Gamelan-Tradition auf sie aus, aber auch strukturelle Prinzipien mittelalterlicher Musik wie diejenigen Guillaume de Machauts beschäftigten sie bei ihren Arbeiten. Etliche ihrer Orchesterwerke weisen zudem eine Tendenz zum markanten Einsatz von Perkussion auf. Darüber hinaus ist sie fasziniert von Virtuosität und lässt diese immer wieder zum Ausbruch kommen. Typisch für sehr viele ihrer Kompositionen ist die trennungslose Mischung von elektronischer und instrumentaler Musik wie sie etwa in dem mit Tonband generierten Gradus ad infinitum für 8 Klaviere realisiert ist. Palindrome und Krebskanons tauchen als weitere Techniken von Machaut und Johannes Ciconia auf: Vorbarocke Formen wie Kanons, die bis zu 14 Stimmen amplifiziert werden, verwirklichte sie ebenso nach diesen Vorbildern.

Unsuk Chin bei der Produktion einer Reportage mit ihr und über sie (Villa Massimo, 5.5.2021, CC-Liz.)

Die Verdrehung physikalischer Gesetze faszinierte sie an Carolls Alice in Wonderland und sie suchte dies in ihrer gleichnamigen Oper mit entsprechenden Techniken umzusetzen. Bei der Konzeption ihres Violinkonzerts lag ihr weniger an einer Demonstration der Verbindung von südkoreanischer Musik mit europäischer als vielmehr an der prinzipiellen Neugier und Neigung zu Experimenten, was auch viele andere ihrer Werke kennzeichnet, die sie eher als Außenseiterin und eben nicht als Vertreterin Neuer Musik zeigen.

Literatur u.a.

Mingyeong Son: Negating nationalist frameworks: Aesthetics of Unsuk Chin’s musical individualism in twenty-first-century East Asian composition. In: Asian Music. (New York Soc.) Bd. 53. 2022. 1, S. 127-152.