Das Meer, bewegt und in Ruhe

Bei Sea Sketches handelt es sich um eine fünfsätzige Suite für Streichorchester, die von der Meereslandschaft an der Grafschaft Glamorganshire in South Wales inspiriert ist. Dort wuchs die Violinistin und absolvierte Pianistin Grace Williams selbst auf und widmete die Komposition neben dem ständigen Gedenken an die Kindheitsjahre in Barry ihren Eltern. Der Umstand, dass die Chormusik in dieser vom Meer bestimmten Region eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben spielte, fand seinen Niederschlag auch in der Anwendung fließender Melodien, wie sie einen Teil der Sätze kennzeichnet.

Grace Williams, Pianistin und Komponistin (1906 – 1977)

Die Eindrücke, von denen die Suite geprägt ist, haben weniger fotografischen als vielmehr pastellartigen Charakter und erinnern damit an impressionistische Bilder der Zeit von Williams‘ früher Kindheit; möglicherweise kannte die Komponistin Claude Debussys La Mer. Dennoch ist ihr formal durchstrukturiertes Werk etwas völlig Anderes, denn seine melodischen, eher gereihten Passagen sind neben ihrem filigranen Duktus von durchsichtiger Gleichmäßigkeit, entsprechend dem Gang der Wellen an einem beruhigten Tag, auch wenn der erste Satz High Wind gerade den Sturm an der Küste abbildet und entsprechend dissonante Überschneidungen der Stimmen und Durchgänge gehäuft zu hören sind. Das Grundrauschen der See wird von den mittleren Streichinstrumenten, also Violen und Celli, getragen.

Der Gesang beim Segeln charakterisiert den zweiten Satz Sailing Song und lässt an die Chortradition der Grafschaft Glamorganshire denken, aus der übrigens auch David Evans, der akademische Lehrer von Grace Williams an der Universität von South Wales stammte. Mit dem temperierten Allegretto kehrt also Ruhe ein und der Satz schließt, indem sich die Klänge an den Horizont verflüchtigen. Der dritte Satz Channel Sirens erweckt die Aufmerksamkeit der Zuhörer durch die in Melos und Harmonik vorherrschende mysteriöse Stimmung, gleichzeitig bestimmt von einer wandernden Bewegung. Der Wechsel zu dem Presto überschriebenen vierten Teil Breakers erinnert an die Satzfolge der Sonate als auch der Suite, nach der einem langsamen Satz wiederum ein schneller folgt; Um das Wogen der Wellen abzubilden, lässt Williams eine komplexe polyphone Struktur entstehen, die dann mit einer absteigenden Tonleiter im Sinne einer Kadenz endet. Calm Sea in Summer schließlich wird geleitet von einer Melodie in der hohen Lage der Geigen; in ihr kommen menschliche Emotionen der Meeres- und Lebensfahrt zum Ausdruck.

Eine neue Einspielung der ‚Sea Sketches‘ mit Dirigentin Malin Broman gibt es auf diesem Album von 2025. (ASIN: B0F8P9C6XN)

Besondere und nachhaltige Beachtung fanden das Orchesterwerk Penillion und für das Nationale Jugendorchester von Wales und später noch das für vier Stimmlagen vorgesehene Ave Maris Stella. Sie lebte wechselweise in London, wo sie unter anderem bei Ralph Vaughan Williams studierte, und ihrer Heimatregion. Ihre Bescheidenheit bei einem hohen Arbeitspensum als Musikpädagogin und Komponistin zeigte sich darin, dass sie einen ihr angebotenen Award ausschlug. Eine ebenso präzise wie klanglich stimmige Aufnahme liegt seit dem vergangenen Jahr in einer Einspielung der schwedischen Dirigentin Malin Broman mit dem finnischen Ostrobothnischen Kammerorchester vor. Auf diesem Tonträger sind auch Arrangements des bekanntesten vierten Streichquartetts von Grażyna Bacewicz (1909 – 1969) und des Es-Dur-Streichquartetts von Johanna Müller-Hermann (1868 – 1941) zu finden.