Biologie in Musik

Im Ausland leider noch viel zu unbekannt sollte Signe Lykke, Jahrgang 1984, nunmehr in den Fokus des dänischen Musiklebens gerückt werden, denn sie ist eine in mehreren Sparten, die sie auch zusammendenkt, versierte und hoch einfallsreiche Komponistin, die gerne radikale Ideen umsetzt. So überraschte sie Ende 2018 mit der Veröffentlichung ihrer CD zum Projekt Body Textures, zu dessen audiovisueller Aufnahme der renommierte Yoshi Sodeoka die Videoregie führte: Bei dem Orchesterwerk geht es um nichts Anderes als um die Erforschung des menschlichen Körpers mit einem Klangexperiment durch Zellen, Proteine und Bindegewebe. Dennoch teilt sie mit dieser Reise durch die Materialität unseres „inneren Universums“ einen Diskurs, der im Zuge neuer Möglichkeiten biomedizinischer Reparaturen im Körper auf der untersten Ebene seiner Eigenschaften unter anderem Wanderausstellungen wie Körperwelten hervorbrachte. Ebenso neu wie dieser noch junge, offenbar zukunftsträchtige Forschungszweig klingt auch Lykkes mit Detailliebe ausgeführtes Orchesterwerk.

Die Musik zu Signe Lykkes Album ‚Body Textures‘ wurde in Kopenhagen im Sommer 2017 unter der Leitung von Morten Ryelund aufgenommen. (Dacapo Records, Kat.-Nr. 8.226605)

Seit März dieses Jahres liegt ein weiteres Video zum zweiten Teil ihres Orchesterstücks TEMPER (2023) vor, in dem Bewegungsabläufe in einem Wohnzimmer von den beiden Tänzern Reina Trifunovic und Sedrig Verwoert dargestellt werden. Der Begriff Temper ist mit Tempo verwandt, passt ebenso zu diesem Parameter wie zur rhythmischen Koordination der Bewegungen. In diesem Kalenderjahr hat Signe Lykke auch ein Gitarrenkonzert geschrieben, das aber wohl erst 2028 uraufgeführt werden wird. Ebenso 2025 arbeitete Signe Lykke an einem neuen Stück für die weltbekannte Sopranistin Barbara Hannigan. Elektronische Realisationen von Ideen gehören zum kompositorischen Handwerkszeug der zwischen Aktionen in Kopenhagen und Aarhus pendelnden Tonkünstlerin.

Am 29. Mai 2025 konnten die Besucher des modernen Kopenhagen das Orchesterwerk NACHERLEBEN mit Solo-Posaune (Maria Eklind, 24.9.2023, CC-Liz.) hören.

Ihr Studium in Gesang absolvierte Lykke in Kopenhagen, Komposition in London und Austin, Texas. Anschließend erwarb sie ein Postgraduierten-Diplom an der Universität Aarhus. Sie verbindet in ihrem Oeuvre häufig Elektronik schlüssig mit moderner Avantgarde und minimalistischen Strukturen, hat aber auch Vorbilder in der Musik der Moderne: Bent Sørensen, Györgyi Ligeti und Igor Strawinski, orientiert sich aber auch an Popkünstlern wie Robyn, David Byrne und David Bowie. Bei aller Kreativität, mit der sie zu neuen Ergebnissen gelangt, weist ihre Kunst doch eine ziemlich stringente handwerkliche Solidität auf und sie sucht dramaturgisch eine intensive emotionale Verbindung zur Musik aufzubauen. So erstaunt es auch nicht, dass sie etliche nationale Auszeichnungen erhielt.

Drei weitere in den letzten Jahren entstandene und aufgeführte Kompositionen können in ihrer Werkbiographie als besonders markant hervorgehoben werden: die Oper Nordkraft (2020), für die sie zwei Jahre später den Carl Award erhielt, 2023 das Tanzstück Leaning Tree und 2024 die Kammeroper Kun stemmen bliver tilbage („Wenn die Stimme zurückbleibt“), im Rahmen des Bloom Festivals mit dem Kollektiv Motherboard aufgeführt. Thematisch ähnelt den nahezu 17minütigen Body Textures die Streicherkomposition Crux, zu der vier abgeteilte Orchestergruppen die vier Herzkammern klanglich repräsentieren. Für solistische Posaune und Orchester schrieb sie NACHERLEBEN, das am 29. Mai dieses Jahres am Königlichen Opernhaus Kopenhagen seine Premiere feierte.

Signe Lykke (Detail der Website Signe Lykke – Spil Dansk, DK)

Bewegt man sich auf Lykkes persönliche Homepage, stößt man auf eine neue Art künstlerischer Mitgestaltung: Die Maus zeichnet auf rosa Untergrund graue Ballungen wie mit dem dicken digitalen Stift gezogen und der Hintergrund bewegt sich permanent wie ein im Dunst sich bewegendes Alter Ego des Website-Besuchers.


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