Drei (kürzlich) erschienene Neuaufnahmen:
Die an der Curtis School of Music graduierte Violinistin und Dirigentin Karina Canellakis, 1981 in New York geboren, ist seit September 2021 Leiterin des Niederländischen Radio-Symphonieorchesters und hatte zuvor schon für das Dallas Symphony Orchestra und das Chamber Orchestra of Europe gearbeitet. Bekannt wurde sie einer breiteren Zuhörerschaft mit ihrer Einspielung des Konzerts für zwei Klaviere „In unison“ des ebenso progressiven wie schaffensfreudigen holländischen Komponisten Joey Roukens.

Bei der vorliegenden Aufnahme von Béla Bartóks 4 Orchesterstücken und vor allem seinem leichter zugänglichen fünfteiligen Konzert für Orchester aus dem Jahr 1943 zieht Canellakis alle Register ihrer bislang erworbenen Technik und sucht die Ausdrucksvielfalt des Repertoires zum Ausdruck zu bringen. Es ist anzunehmen, dass er das Auftragswerk für Sergei Kussewizky in entspannter Atmosphäre komponieren konnte, da er kurz zuvor aus Ungarn vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA entkommen war. Diese neue Einspielung könnte schon jetzt viele andere auf Tonträger erschienene übertreffen, weil plakative voluminöse Akzente an den stimmenstarken Stellen vermieden werden und dennoch eine schillernde, dynamisch aufgeladene Atmosphäre geschaffen wird.

Ebenso gelang der vielseitigen Instrumentalistin Giulia Genini ein großer Wurf: mit einer Präsentation diverser gesungener und auch nur gespielter Sonate da sonarsi con varij stromenti des in Bonn in eine veronesische Familie geborenen Massimiliano Neri (ca. 1620 – nach 1670), der als Zeitgenosse von Tassos arkadischer Hirtenpoesie von Schönklang und Anmut geprägte virtuose Stücke für Ensembles schuf. Die erhabene und „verspielte“ Stimmung dieser hochbarocken Canzonen und geistlich inspirierten Stücke wird von ihr und der Formation Concerto Scirocco idealtypisch eingefangen, obwohl der Ort der Aufnahme im Februar 2022, ein Landgasthof im schweizerischen Riehen, nicht unbedingt jedermanns Vorstellungen entsprechen vermag.
Die Akustik beweist aber das Gegenteil: Insbesondere die Gamben, Theorben und Sackpfeifen lassen einen geschmeidigen sonoren Nachklang hören, ohne zu viel Hall – wie etwa in einem groß- und hochräumigen Kirchenschiff zu erwarten wäre – zu erzeugen. Gleichzeitig erscheint der Gesamtklang rund und voluminös, dynamische Akzente nach oben und nach unten werden gesetzt, die Agogik fällt angenehm lebhaft aus, auch wenn sehr schnelle Tempi rar bleiben. Giulia Genini stellt ihre Versiertheit mit dem Spiel dieser beinahe noblen Musik aus dem stilistischen Umfeld Buonamentes und Carissimis auf dem Bassdulzian, ebenso wie auf der Sopran- und Altflöte unter Beweis.

Als weniger gelungen im Vergleich zu den lobenswerten Live-Mitschnitten von Konzerten des gleichermaßen sympathischen wie vielseitigen Klavierduos Genova & Dimitrov ist ihre Aufnahme der Variationen, Stücke und Suitensätze zu vier Händen der in Spätromantik und Impressionismus zu verortenden US-amerikanischen Komponistin Amy Beach (1867 – 1944) von 2021 zu bezeichnen. Die enorme Interessensbreite des munteren und erfolgreichen Klavierpaares erscheint hier doch sehr zentriert auf den Buchstaben der Noten, der Schwung ist gedämpft, ziemlich gleichgültig plätschern die Sätze dahin. Eine stärkere Akzentuierung wäre hier wohl die bessere Lösung gewesen.
