Vor nun bald dreißig Jahren erschien beim Label Musica Sveciae, dem von der Stockholmer Musikakademie betriebenen Klassiklabel, ein höchst verdienstvolles, allerdings momentan leider vergriffenes Album. Es enthält Streicherkammermusik von fünf in ihrer Epoche kaum beachteten, wenn nicht gar an den Rand gedrängten komponierenden Frauen, Elfrida Andrée, Valborg Aulin, Amanda Maier, Laura Netzel und Alice Tegnér, gespielt vom mittlerweile legendären Ensemble Talekvartetten.

Die Solisten des Quartetts fanden 1981 während ihrer Studienzeit in Stockholm zusammen. Durch zahlreiche Auftritte wurden sie rasch populär und der Schwedische Rundfunk verpflichtete sie vertraglich für eine Vielzahl von Konzerten und Aufnahmen. Von da an begann auch die Europa-Karriere des paritätisch besetzten Quartetts, bestehend aus den Violinisten Patrick Swedrup und Anders Nyman, Ingegeerd Kierkegaard an der Viola und der Cellistin Helena Nilsson.
Die Gade-Schülerin Elfrida Andrée (1841 – 1929) war nicht nur eine der ersten weiblichen skandinavischen Musiker an der Orgel, sie komponierte mehrere Orchesterwerke, auch wenn Frauen für solches Künstlertum zu ihrer Zeit eher abfällig betrachtet wurden, eine Oper, einige Orgelsinfonien, Kammermusik mit Klavier, solistische Stücke für dasselbe sowie die Geige, Lieder und eine Schwedische Messe. Sie wurde aufgrund ihrer Verdienste um das Musikleben in ihrer Heimat in die Königliche Musikakademie aufgenommen.

Die Schwester eines nie aus dem „öffentlichen“ Gedächtnis entschwundenen Dirigenten und Komponisten Tor Aulin, nämlich Laura Valborg Aulin (1860 – 1928), studierte sowohl in Stockholm als auch in Kopenhagen und Paris und wirkte als Musikpädagogin, Pianistin und Komponistin, stand hinter ihrem weit bekannteren Bruder also in nichts zurück. Auch sie bediente (wie Andrée) das volle Repertoire, auch wenn der größte Teil Klavierkompositionen und -lieder waren. Hinzu kamen Streichquartette, Orgelmusik, Chor- und Orchesterwerke.
Amanda Maier (1853 – 1894) war eine bedeutende Violinistin ihrer Zeit und komponierte sowohl ein Violinkonzert in d-Moll als auch etliche Werke für Violine und Klavier, zusammen mit ihrem Mann Julius Röntgen, den sie während ihrer Studienjahre in Leipzig kennengelernt hatte, außerdem kleine Klavierstücke unter dem Motto Zwiegespräche.

Um Anerkennung zu finden, verbarg sich die finnisch-schwedische Komponistin Laura Netzel (1839 – 1927), hinter dem Pseudonym N. Lago. Der österreichische Musiker Anton Door, der am schwedischen Hof als Konzertpianist angestellt und in die Königliche Musikalische Akademie berufen worden war, unterrichtete sie. Netzel debütierte im Alter von 17 Jahren mit einem eigenen Konzertauftritt, organisierte Benefiz- und Arbeiterkonzerte. Sie trug viel zum schwedischen romantischen Repertoire bei, unter ihren Instrumentalwerken finden sich neben einem hoffentlich bald wieder Beachtung findenden Klavierkonzert in e-Moll Klaviertrios und eine Cellosonate.
Ein in Schweden weit verbreitetes Kinderliederbuch, Sjung med oss, Mamma geht auf die hochproduktive und emsige Erfinderin von Kinderliedmelodien, Alice Tegnér (1864 – 1943) zurück, die dank ihrer Verdienste auf diesem Gebiet, unter anderem als Kantorin in der Stadt Danderyd, ebenfalls in die Königliche Schwedische Akademie aufgenommen wurde. Sie schrieb übrigens ihre ersten eigenen Lieder am Klavier, das auf dem Schiff ihres Vaters stand …
Literatur u.a.
Katrin Losleben: Einblick in Leben und Werk der Elfrida Andrée (1841 – 1929). In: Viva voce. Archivnachrichten. Frau und Musik. Bd. 89. 2011. S. 12f.
Katherine Susan Powers: Class, gender, accomplishment: Laura Netzel in nineteenth-century Sweden. In: Sleuthing the Muse. Essays in honor of William F. Prizer. Ed. Kristin Forney. New York 2012. S. 271 – 284.
