Klassifizierte Michael Praetorius im dritten Band seines Syntagma (1619) Musik zunächst nach ihren Klangkörpern, menschlichen Stimmen oder Instrumenten, dann nach „Affektsphären“, also ihrem räumlich bedingten Ausdruck, nach ihrer sozialen Praxis und schließlich nach der Textbasis, so wandelte sich im 18. Jahrhundert die Grundlage der Differenzierungen hin zur Unterscheidung zwischen den Benennungen von Werk(grupp)en und den Stilen oder Schreibarten, die undeutlich sozial und lokal, nach Zweck und Ort geordnet wurden.

In Friedrich Hands Ästhetik der Tonkunst (1841) wird eine Unterteilung nach ästhetischen Kriterien getroffen, während fast zur gleichen Zeit Adolf Bernhard Marx zu einer Orientierung an den Formen neigte. Heinrich Kretzschmar und Guido Adler gebrauchten in Fortsetzung dieser Richtung noch ein Jahrhundert später den Gattungsbegriff ziemlich undifferenziert weiter, allerdings bildeten sich theoretische Ansätze heraus, in denen zum einen alternative Systematiken entworfen wurden, andererseits nach dem sozialhistorischen Hintergrund klassifiziert wurde. Die Praxis des Komponierens ging gleichzeitig bereits völlig andere Wege: Die „alten Gattungen“ verloren zunehmend an Bedeutung, neue entstanden unter anderem aus der Fusion von Kunst- und Popularmusik und die auch ethnologisch bedingte Aufweitung zur Rezeption von „Weltmusik“ hin.

Kurz vor und nach der Wende zum 21. Jahrhundert standen eher inhaltliche Kriterien für die Bestimmung der Gattungen im Vordergrund, die die „ästhetische Erfahrung“ spiegeln. Nach Eric Donald Hirschs Auffassung der Gattungen als „Sinntypen“ kennzeichnete sie Jeffrey Kallberg als „Akteure der Kommunikation“, was eine Verbindung zwischen KomponistIn und HörerIn voraussetzt.
Ebenso verschwommen muss neben dem Begriff der „Gattung“ auch derjenige der „musikalischen Formen“ erscheinen, da er Disparates aus heterogenen Wurzeln meint. Die Entwicklung des Verständnisses von Gattungen macht auch wissenschaftshistorisch betrachtet deutlich, wie zu selbstverständlich gewordene Organisationssysteme durch geschichtliche Reflexion und synchron in Bezug gesetzte Paradigmen, seien es die Rezipienten und ihre unter verschiedenen Aspekten zu analysierenden Sphären oder (vorherrschende) ästhetische Muster, wie sie etwa in den Aufführungspraxen zum Ausdruck kommen, immer wieder neu relativiert und abgelöst werden.

Literatur u.a.
Eric Donald Hirsch: Prinzipien der Interpretation. München 1972.
Jeffrey Kallberg: Chopin at the Boundaries. Cambridge (Mass.) 1996.
Jeremy Iskandar: Aspekte des Gattungsbegriffes im musikwissenschaftlichen Diskurs. München u. Ravensburg 2009.