Genau in jener Epoche der Umwälzung, die Napoleon Bonaparte mit seinem Vordringen in den gesamten europäischen Raum verursachte, erprobte sich die begabte junge Genfer Pianistin Caroline Butini, 1806 verheiratete Boissier, an verschiedenen Formen, wie wohl sie sich wähnte, nach dem zeitgenössischen Ideal der bürgerlichen Hausfrau zu leben. Ihre Werke zeigen aufgrund ihrer Selbstständigkeit und Ausnahmestellung ein völlig anderes Bild einer aufstrebenden Komponistin.

Tatsächlich gehörte Caroline Boissier-Butini mit Weber und Beethoven zu den ersten Musikschaffenden im 19. Jahrhundert, die Volksliedmelodien an prominenter Stelle in ihre Kompositionen einbanden: In ihr 6. Klavierkonzert La Suisse könnten Lieder eingegangen sein, die ihr im Dorf Valeyres von einer Frau vorgesungen wurden. In den folgenden Jahren erlangte sie innerhalb der Schweiz wohl aufgrund ihrer Konzerte einen hohen Bekanntheitsgrad, so dass diese Basis ihr es ermöglicht haben, auf europäischem Parkett, nämlich in Paris und London vor Größen des Musiklebens wie Marie Bigot und Ferdinando Paër aufzutreten.
Das erwähnte Klavierkonzert ist für seine Entstehungszeit von großer Modernität, weil es einmal die später von Clara Schumann und Frédéric Chopin zelebrierte Virtuosität in der Satztechnik der solistischen Passagen verlangt, andererseits, weil es die Entwicklung der Salonmusik gewissermaßen vorwegnimmt. Im mittleren Satz Andantino blitzt ein landestypischer Kühreigen auf und überhaupt lässt der Wechsel innerhalb der Instrumentation und die Variabilität in den Rhythmen das sich verfestigende Schema des Sonatenhauptsatzes einigermaßen außer Acht.

Die Besonderheiten der späteren romantischen Orgelmusik der Franzosen tauchen in ihrem Stück für Orgel, entstanden sicher noch vor 1818, auf, das von der Genfer Hymne Celui qui est la-haut inspiriert wurde und das hier durch acht Variationen verändert vorgestellt wird. Die spärlichen Dokumente zu Boissier-Butinis Biographie erhellen leider nicht, ob die Komposition in einem Zusammenhang mit dem gegenüber ihren Eltern geäußerten Wunsch, an der Kathedrale zu Genf Titularorganistin zu werden.
In ihrer ersten Klaviersonate lässt sich zwar deutlich der Einfluss von Beethoven und Mozart heraushören , doch geht sie in der Harmonievarianz der Akkorde, besonders im ersten Satz ohne Tempoangabe einen großen Schritt über die Vorbilder hinaus.

Stimmungsvolle Instrumentierung scheint auch ihrer ganzen Kammermusik zu eigen gewesen sein: Das Divertissement avec rondeau à la polacca für Klavier, Klarinette und Fagott enthält das wiederholte Thema in ungewöhnlichen rhythmisierenden Trillern, die Arpeggien des Klaviers erinnern an anderer Stelle an die Begleitung durch ein Zupfinstrument. Gleichzeitig folgt sie einem der neuesten Trends ihrer Zeit, nämlich in das zweisätzige Divertissement eine Polonaise einzufügen.
Literatur u.a.
Irène Minder-Jeanneret: Caroline Boissier-Butini (1786 – 1836). In: Erica Deubler-Ziegler, Natalia Tikhonov (Hg.): Les femmes dans la mémoire des Genève. Genf 2005. S. 91 – 93.