Inmitten unseres Kontinents, an Münchens Hochschule für Musik und Theater lehrt die in Athen ausgebildete Pianistin und Dirigentin Konstantía Gourzi Komposition. Ihre Schaffensbiographie spiegelt Fremde (als Heimat), Entfremdung und Vertrautheit gleichermaßen; als Künstlerin spannt sie ein Trapez zwischen Orten in Europa ebenso wie zwischen Existenzen von Menschen, die dort, teils ihrer Herkunft entfremdet, leben. Unter anderem dokumentiert daraus resultierende Spannungen und Annäherungen ihre Musik zu Christian Wagners Film Stille Sehnsucht – Warchild, die auf Tonträger 2006 beim Label Indigo erschien.

Die Sopranistin Susanne Winter interagiert hier sowohl mit einem Streichorchester als auch mit der Klarinettistin Slava Cernavca und Ferran Cruixent am Klavier, Konstantía Gourzi dirigiert selbst. Im Film geht es nicht zuletzt um Entfremdung: Senada, eine junge Mutter, gespielt von Labina Mitevska, verliert ihre Tochter im Bosnienkrieg und erfährt Jahre später, dass diese lebt; sie reist nach Deutschland, um sie zu sehen. Dort trägt das Kind Aida nun den Vornamen Kristina; Senada ist verstört und ist schließlich mit der eigenen Abreise als Konsequenz konfrontiert.

Häufig ist in Gourzis bisher (vor allem beim Musikverlag Höflich) erschienenen Werken die Instrumentation der Idee der Komposition untergeordnet. Dies gilt ebenso für kastalia (2008) für Streichquartett mit Harfe, das für byzantinischen männlichen Sologesang und Solovioline vorgesehene Orchester- und Chorwerk Easter in Konstantinopel (2009/10) wie für Polymnia (2010) in der Besetzung mit zwei Gitarren, Viola und Kontrabass oder … il vento del nord … (2013) für Vokalensemble. Easter in Konstantinopel trägt als Untertitel bezeichnenderweise das Motto because of the words …

Dem Primat der Botschaft entsprechend ergibt sich so nahezu ein Gleichgewicht von Orchester-, Kammer-, Soloinstrumental- und Chormusik. Erstmals beschäftigte sich mit Konstantía Gourzi wohl eine Kunstmusik Schaffende mit dem Problem des Kindermissbrauchs durch Geistliche; dieser Auftrag durch die katholische Kirche selbst resultierte in der Komposition Transformation (2018) für Vokalsolist/inn/en, Chöre, sieben Instrumentalsolisten und Publikum, die im Oktober letzten Jahres in der römischen Kirche Sant’Ignazio uraufgeführt wurde.
Kompositionsaufträge erreichten die Athenerin von vielen Seiten, vom Münchner Rundfunkorchester ebenso wie von der Bayerischen Staatsoper, vom griechischen Lefkas Festival wie von Nils Mönkemeyer und William Youn. Die Orchesterleitung übernahm sie unter anderem 2012 beim Samos Young Artists Festival, sie dirigiert verschiedene griechische Großformationen, in den vergangenen Jahren auch das Orchestre Philharmonique de Strasbourg, das Ensemble Musica Nova Israel und das Radio Sinfonieorchester Frankfurt.