Byzanz lebt

Bekanntlich führte in der griechischen Antike die Entdeckung der Zahlenverhältnisse auch zur Berechnung von musikalischen Intervallen, experimentell bezeugt in der Teilung der Saite. Danach entwickelte sich die Tonstufenordnung des Dorischen, Phrygischen und Lydischen sowie die Intervalle des Tetrachords innerhalb dieser Genera: Die Begriffe diatonisch, chromatisch und enharmonisch werden in der Musiktheorie wie -praxis bis heute gebraucht. Die frühesten liturgischen Handschriften Ostroms zeigen, dass die Kirchenmusik zunächst einstimmig gewesen sein muss, jedoch sicherlich von Bordungesang begleitet wurde wie er für die Neuzeit belegt ist. Vermutlich leben manche Züge dieser Gesänge in der aktuellen griechischen Volksmusik weiter. Eine solche Interpretation pflegt im übrigen ebenso das vierköpfige Vokalensemble VocaMe.

Kassias Gesänge: Spuren der frühesten byzantinischen Kirchenmusik (Christophorus 2009,  B002ICGA9S)
Kassias Gesänge: Spuren der frühesten byzantinischen Kirchenmusik (Christophorus 2009, B002ICGA9S)

Im byzantinischen Kaiserreich bis zu seiner Eroberung im Jahr 1453 entwickelte sich nicht nur die slawische Liturgie von der griechischen weg, es festigte sich auch die Ausbildung einer eigenen Hymnographie, in der sich das Versprinzip der rhythmischen Akzentuierung langsam durchsetzte. Bekannte Dichterkomponisten waren im Gefolge der mehr legendären Kassia Romanos, Johannes Damascenus und Andreas von Kreta. Auf einer Einspielung der ihr zugeschriebenen Hymnen durch VocaMe und Michael Poppe wird Kassia als erste Komponistin des Abendlandes apostrophiert, doch könnten dies ja auch Sappho und Korinna in vorhellenistischer Zeit gewesen sein; es ist zu deren Liedern lediglich kein Notenmaterial überliefert. Und vermutlich erklangen bereits zu den Komödien des Aristophanes Gesang und Instrumentalspiel.

Zurück zur byzantinischen Epoche: Bis zum 8. nachchristlichen Jahrhundert differenzierten sich neue Gattungen aus: Troparion, Sticheron und Antiphonon sowie der Kanon, bestehend aus neun, manchmal acht unterschiedlich gebauten Oden. Die Komponisten, Melurgen oder Maistores genannt, emanzipierten sich von den Odentextdichtern. Im 14. Jahrhundert trat Meister Kukuzeles auf, der Gesänge mit eigener, wieder kehrender oder nicht wiederkehrender Melodie unterschied. Formelhafte Wendungen bildeten sich heraus, die das Erkennen der Tonarten erleichterten. Kirchentöne und Hymnen stellen noch heute in den christlichen Kirchen das byzantinische Erbe dar.

Detail einer Nay, die auch Harris Lambrakis spielt, (Blasinstrument) aus Tunesien (Joan / Propi)
Detail einer Nay, die auch Harris Lambrakis spielt, (Blasinstrument) aus Tunesien (Joan / Propi)

Um aber einen theorieentlasteten Eindruck von der frühesten byzantinischen Kirchenmusik zu erhalten, kann man sich in die Gesänge des genannten Ensembles VocaMe, das übrigens auch live zu hören ist, vertiefen. Am 3. September 2014 treten die Musikerinnen zum Stuttgarter Musikfest auf, in Hamburg am 10. Oktober im St.-Marien-Dom. Als großer Kenner der Materie auch auf Instrumenten gilt der junge Nayspieler Harris Lambrakis, der 1976 in Athen geboren wurde und dort bei Marios Mavroidis und Iannis Arvanitis byzantinische Musik gründlich studierte. Lambrakis ist außerdem Mitglied der Truppe Aniksi sti Saloniki und Leiter eines von ihm gegründeten Quartetts.

 

 

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