Für Emilie Mayers Schaffen als Komponistin war es ein Glücksfall, dass sie finanziell unabhängig komponieren konnte, nicht unter Zeitdruck, was ihr einen passablen Freiraum für die Entwicklung und Behauptung einer eigenständigen Symphonik ließ. Insbesondere lässt sich dem im einzelnen an den Sätzen ihrer 5. Symphonie in f-Moll, die 1862 in Stettin entstand und in Stargard aufgeführt wurde, nachgehen.
Wegen seiner eingängigen melodischen Linien bei gleichzeitiger origineller Verknüpfung der Motive wurde der 2. Satz Adagio häufiger aufgeführt; er wird manchen Konzertgängern damals als Ohrwurm im Gedächtnis geblieben sein, auch wenn die Komponistin leider selbst rasch der Vergessenheit anheimfiel. Beim Blick auf die Gesamtstruktur der Symphonie auch beim ersten Durchhören lässt sich feststellen, dass pure Wiederholungen, wie sie den Stil der Wiener Klassik gemäß einem strengen Formschema geprägt haben, nirgendwo zu bemerken sind, was hier vielleicht noch deutlicher zutage tritt als in Emilie Mayers Vorgängersinfonien.

Formal organisierter als die drei Folgesätze wirkt der 1. Satz Allegro agitato. Hier handelt es sich um einen eher unentschieden zwischen Moll und Dur schwankenden Satz, der – ungewöhnlich genug für einen symphonischen Anfang – im wellenförmig vorantreibenden 6/8-Takt einsetzt. Er lebt vor allem durch seine romantische expressive Dramatik, die an Mendelssohns Expositionen und Durchführungen denken lässt. Die eingeführten Motive werden bereits hier grundsätzlich variiert und weitergedacht und zwar so, dass die Übergänge in wiederkehrende Satzteile organisch fließend wirken, aufgeweitet noch durch die synkopischen Bläsereinsätze. Die Wechsel in der Instrumentation lassen an Mendelssohn denken, Streicher- und Bläserpassagen folgen sich aber in einem weicheren Ablauf und mischen sich schließlich, was dann eher Brahms in seinen Symphonien praktizierte.
Der Emilie Mayer öfter nachgesagte kämpferische Impetus könnte Legende sein, denn im 2. Satz Adagio ist davon nichts zu spüren, auch wenn manche kurzzeitig aufblitzende Blechbläserakkorde eine an Bruckners 4. Symphonie erinnernde heroische Note hinzufügen. Den Satz kennzeichnet vielmehr eine sanft dahinfließende Melodik, die in ihrem Duktus sowohl feinsinnig erdacht als auch elegisch klingt. Die sich graduell aufbauende Dynamik, wie sie auch andere Orchesterwerke Mayers bestimmt, ereignet sich durch Anreicherung der harmonischen Struktur, ähnlich wie zu Beginn ihrer 2. Symphonie e-Moll. Der eher kammermusikalisch-intime Dialog der Stimmen erfährt eine Steigerung ebenso wie ein Abebben zum Ende hin.

(http://www.festspiele-mv.de/node/18852 D p.d.)
Dass es sich um eine ganz und gar romantische Symphonie handelt, mag auch daran deutlich werden, dass der 3. Satz Allegro vivace, also das Scherzo, experimentell angelegt ist und wie manche Symphonie Beethovens rhythmische Verschiebungen kennt, demnach über das Muster der Wiener Klassik weit hinausgeht. Mithin verfügt der Satz über fünf sehr verschiedene Teile statt üblicher drei, die seine Vielfalt unter Beweis stellen. Der 3/4-Takt wird von einem triolischen 2/4-Metrum abgelöst, was Emilie Mayers Neigung zum kreativen Spiel mit der Form zeigt.
Das Finale setzt das belebte Allegro vivace des 3. Satzes fort und ist von Reminiszenzen an die dramatischen Momente des 1. geprägt, wobei die Instrumentation ganz ausgesucht wirkt und nur gelegentlich an Beethoven und Bruckner denken lässt. Dieser 4. Satz kennt sowohl den energetischen Vorwärtstrieb der vorhergehenden schnellen Sätze als auch Retardationen und im Tempo gemäßigte Übergänge wie im 2. Satz. Das thematische Material erfährt zum Ende hin eine kontrapunktische Verdichtung, bevor die Schlusskadenz jäh eintritt.
Literatur u.a.
Almut Runge-Woll: Emilie Mayer: 1812–1883. Wiederentdeckung einer Vergessenen. Strelitzer Musikfreunde e. V., Neustrelitz 2012.
