Detail aus: Frank Kortan: Yellow Shark auf der Basis von Frank Zappas Oper (19.9.2016, CC-Liz.)

Mutationen

Das Phänomen, dass aus akademisch geprüften klassischen Musikern und Komponisten Popkünstler werden, ist ja hinlänglich verbreitet, man denke etwa an Benny Andersson – der dann allerdings vor etlichen Jahren den Rücksalto einlegte und wieder zum „seriösen“ Pianisten und Ausführenden seiner eigenen in der Kunstmusik basierten Werke wurde.

Billy Andersson erläutert in der Aula der Stockholmer Universität seine Klavierstücke, die am Abend des 30. Oktobers 2008 erklangen. (Prolineserver, GNU Free Doc. Lic.)

Oder Gabriela Montero, die aus einem klassischen Klavierstudium heraus, aber im Grunde frei von dessen Repertoire, Themen, die sie vom Publikum bekommt, in verschiedenen, vor allem zum Jazz tendierenden Stilen durchführt und entwickelt, was als absolute Seltenheit unter akademisch informierten Musikern gilt. Oder Tonschaffende wie Philip Glass und Terry Riley, die in einem Experiment mit statisch wiederkehrenden metrischen Einheiten, geringstmöglichen rhythmischen Abweichungen und Klängen auf einmal zum Primitivismus der Minimal Music aufschlossen.

Gabriela Montero improvisiert in der Sala São Paulo. (Ed1983, März 2017, CC-Liz.)

Andersherum gibt es erstaunlich viele ehemalige, aus dem reinen Spiel, ohne Theorie oder Notenlesen gelernt zu haben, praktizierende Popmusiker, die zu Komponisten klassischer Werke mutierten, was eine lobenswerte enorme Anstrengung für zumindest einige von ihnen bedeutet haben muss: Der bekannteste und schillerndste von ihnen dürfte Frank Zappa gewesen sein, der zum kompletten Autodidakten wurde, weil ihn die klassische Moderne zu fesseln begann; zuvor hatte er in Rhythm-&-Blues-Bands jahrelang Gitarre und Schlagzeug gespielt. Avantgardistische Orchesterwerke von seiner Hand, etwa The Yellow Shark wurden später von elitären Formationen wie dem Ensemble Modern gespielt.

Paul McCartney 1980 am Flughafen Amsterdam Schiphol (Nationaal archief NL, 26.1.1980, CC-Liz.)

Zu denken ist hier ebenso an Paul McCartney, der durch reine Intuition und Begabung das Liverpool Oratorio (1991) und die Ballettmusik Ocean’s Kingdom (2011) schuf. Roger Waters, Motor der Popgruppe Pink Floyd, konnte mit großen komplexen Strukturen gut umgehen und „komponierte“ 2005 so eine Oper in drei Akten mit dem Titel Ça Ira über die Französische Revolution. Billy Joel beendete sein Dasein als international renommierter Popmusiker 1993 mit seinem letzten und zwölften Album River of Dreams und ließ sich auf diesem Fluss „der Träume“ in das Reich der klassischen Kunstmusik hineintreiben. Zunächst erfand er klassisch fundierte Klavierstücke, ließ diese aber jemand anderen, nämlich Richard Joo spielen; 2001 entstand so Fantasies & Delusions. Namentlich Popularität erlangten daraus Air (Dublinesque), der Walzer Nunley’s Carousel und Suite for Piano. Zusammen mit Phil Ramone legte Joel mit The Lords of 52nd Street ein Werk für Klavier und Orchester vor, das auf Themen aus seinen früheren Popsongs zurückgeht. Und 2024 schaffte er die Rückwärtspirouette mit dem neuen Lied Turn The Lights Back On: Die Rückkehr zu den notenlosen Wurzeln war mit dem (wörtlich zu nehmenden) Titel gelungen. Hinzugefügt werden muss hier allerdings, dass die „Stars“ von damals zur Realisation ihrer unerwarteten klassischen Werke der Hilfe bedurften und sich beraten ließen bzw. Co-Komponisten hinzuzogen.

Billy Joel als Gast anlässlich der Premiere einer Neuen Tosca-Inszenierung an der Metropolitan Opera New York (David Shankbone, 21.9.2009, CC-Liz.)

Was mag die Triebfeder für genuin spontan losspielende und im Ensemble zu neuen Ideen findende Musiker gewesen sein, einen radikalen Schwenk zu einer völlig verschiedenen Kunstrichtung zu vollziehen? Dem bisher musikalisch Erreichten – inklusive eines riesigen Hörerpublikums – wohnten potenziell zwei Emotionen inne: Nostalgie als Melancholie hervorrufendes Sentiment und der Sinn für Romantik waren es wohl, die Neugier und Interesse an der alten, eigentlich musealisierten, durch Noten fixierten und sich elitär gebenden Klassik weckten. Und in der Zwischenzeit wurden Musiker damit groß, dass es Zwischenreiche gibt, wie das der Improvisation auf der Grundlage des Klassischen: Hierfür mögen unter vielen anderen das legendäre Jacques Loussier Trio, Walter „Wendy“ Carlos mit seinem Synthesizer und die Solohornistin der Berliner Philharmoniker, Sarah Willis, mit ihrem Kuba-Experiment stehen.