1655: L’Erismena

Auch wenn der Titel es suggerieren mag: Der Name Erismena ist nicht original, denn dann würde der Neutrum Plural wörtlich übersetzt „Einiges“, „Manches“ bedeuten. In Francesco Cavallis gleichnamiger Oper bezieht er sich auf die erfundene, nicht-mythologische Titelfigur, die Tochter des Prinzen Erimante und der Armenierin Arminda. Diese legt sich Männerkleidung an, schneidet sich die Haare kurz und täuscht damit Aldimira, eine Prinzessin, die von zwei Männern begehrt wird und sich sofort in den „weiblichen Soldaten“ verliebt.

Libretto der Oper ‚L’Erismena‘ vom Komponisten Pier Francesco Caletti-Bruni (Geburtsname F. Cavallis, 1655, IT p.d.) auf der Basis des Librettos von Aurelio Aureli

König Erimante, der selbst die Sklavin Aldimira sehen wollte, eigentlich eine iberische Prinzessin lässt seinen Nebenbuhler Orimeno mit Erismena, die sich an ihrem Geliebten Idraspe für seine Untreue rächen will, festnehmen, doch können sich die Gefangenen befreien. Auf den Befehl des Königs sollen Idraspe und die als Soldat auftretende Erismena im Zweikampf gegeneinander antreten. Nun erkennt Erimante in ihr beim Anblick eines Medaillons, das sie trägt, seine eigene Tochter. Erismena soll Idraspe heiraten, Orimeno erhält Aldimira zur Frau.

Schlusstableau: Der König begnadigt Erismena und Idraspe (Francesca Aspromonte als Erismena, Carlo Vistoli als Idraspe, Cappella Mediterranea, L. García Alarcón, 2017)

Die kunstvoll verflochtene Handlung des Librettos von Aurelio Aureli wird noch durch einige Nebengeschehnisse ergänzt, die aus der Konstellation zwischen weniger wichtigen Figuren entwickelt sind. Der Kunstgriff von Seiten Cavallis bestand vor allem darin, komische und tragische Gestaltung musikalisch nahezu parallel zu realisieren. Der Autograph der Oper ist nicht erhalten, es sind lediglich zwei Abschriften bekannt geworden. Das Stimmenmaterial der sehr gut aufgenommenen Oper muss freilich als sparsam bezeichnet werden, denn die Partitur weist nur drei Streicherparts auf, die vom Basso continuo ergänzt werden. Über die Uraufführung in Venedigs Theater Sant’Apollinare am vorletzten Tag des Jahres 1655 sind wir sehr gut unterrichtet, die Sängerrollen sind alle einzeln benannt. Von sieben Aufführungen sollen fast durchgehend 200 Karten verkauft worden sein, 32 waren es insgesamt, die ein stetig wachsendes Publikum verzeichneten.

Die Besucherzahlen und Umstände zeigen, dass diesem Bühnenwerk großer Erfolg beschieden war, auch wenn oder gerade weil (?) Francesco Cavalli (1602 – 1676) eine Lamentoarie, nämlich diejenige der der Kerkerszene, aus seiner früheren Oper Ormindo (1644) übernommen hatte, die großen Effekt auf die Zuhörer und Zuschauer ausübte. Als besonders schön gestaltet erweist sich die Arie O care effigie der Aldimira, die in höherer Lage zu einer passacagliaartigen Bassbegleitung gesungen wird. Einzigartig an der Bearbeitungs- und Aufführungsgeschichte der Oper ist im Übrigen auch, dass sie – dank ihrer italienischen Erfolge – die erste überhaupt war, die in englische Sprache, sicher zum Zweck der Übernahme an ein Londoner Theater – übersetzt wurde.

Anlässlich des Festivals von Aix-en-Provence im Jahr 2017 dirigierte Leonardo García Alarcón mit dem Orchester Cappella Mediterranea L’Erismena. Bemerkenswert ist hier die zur Musik selbst passende und mit Schatten und Licht spielende Inszenierung. Der Mitschnitt durch Radio France ist auch auf anderen Kanälen zu sehen.

Literatur u.a.

Ellen Rosand: Opera in 17th-Century Venice. Berkeley (CA) 1991.
David Swale: Cavalli, The „Erismena“ of 1655. In: Miscellanea musicologica III. Adelaide 1968.


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