Protest und Erfolg

Für ihr Engagement in der englischen Frauenbewegung um Emmeline Pankhurst wurde sie nach dem Erfolg ihrer Oper The Wreckers (1908) ins Gefängnis verbracht: Dame Ethel Smyth war seit ihren Jugendjahren eine charakter- und durchsetzungsstarke Künstlerin und Klaviervirtuosin, die ihre Ziele nicht aufgab. Bereits als noch nicht Volljährige rebellierte sie gegen ihren Vater, der ihr ein Musikstudium nicht zugestehen wollte, indem sie in den Hungerstreik trat. Tatsächlich erreichte sie durch eine Kombination aus hoher Begabung und einem ausdauernden Willen viel.

Kompromisslos und durchsetzungsstark: Die Pianistin und Komponistin Ethel Mary Smyth (1858-1944)

Nach ihrem gegen großen Widerstand ermöglichtes Studium in Leipzig und Privatunterricht in Berlin bei dem Kompositionsdozenten Heinrich von Herzogenberg schaffte sie nach ihrer zweiten Rückkehr in ihre Heimat Großbritannien mit ihrer Messe in D-Dur (1893) den Durchbruch im dortigen Musikleben. Erst in England hatte sie sich an größeren Instrumentalformen versucht und 1890 eine Serenade für Orchester komponiert. Ihr Stil kann als für die Entstehungszeit um die Wende zum 20. Jahrhundert als der Spätromantik zugewandt bezeichnet werden, auch wenn das nichts über ihre persönliche Idiomatik aussagt; außerdem folgte sie stilistisch teils der spezifisch britischen Operettentradition.

Elisabeth und Heinrich von Herzogenberg, Protégés der Komponistin in ihrer Studienzeit (vor 1891, www.carus-verlag.com, CC-Liz.)

Smyths Erfolge in der nahezu absolut männlich dominierten Sphäre der Kunstmusik erklären sich aus ihrer kämpferischen Natur, mit der sie viel erreichte. Um ihren 40. Geburtstag herum schrieb sie ihre Debütoper Fantasio, die in Weimar 1898 uraufgeführt wurde, zweifelte dann aber an der Qualität dieses Erstlings und vernichtete die Noten. Ihre Selbstkritik kam aber den weiteren Werken grundsätzlich zugute. Nicht nur fand das zweite Musikdrama Der Wald (1902) Beachtung, einen größeren Erfolg verbuchte sie dann mit The Wreckers (1906), zu deutsch Das Standrecht, einem Libretto, in dem es mit kompromisslos moralischem Impetus um das Schicksal zweier junger Leute geht, die die verbrecherische Tradition der Plünderung gestrandeter Schiffe und der Tötung ihrer Besatzung durchbrachen, indem sie die Seefahrenden vor der Anlandung durch Lichtzeichen warnten.

Aktuelle Veranstaltung in Leipzig zum und mit dem Werk von Ethel Smyth (Domenico Müllensiefen, 21.12.2025, CC-Liz.)

Auf einer Italienreise hatte Ethel Smyth den englischen Philosophen Henry Brewster kennengelernt, zu einer Zeit, als noch ein gewisses Liebesverhältnis zur Frau ihres Mentors Herzogenberg bestand. Mit Brewster verbanden sie lange Jahre der Freundschaft und auch eines intimen Verhältnisses.

Die komische Oper The Boatswain’s Mate (1916) sollte in Frankfurt uraufgeführt werden, was aber an den diplomatischen Komplikationen während des begonnenen Ersten Weltkriegs scheiterte. Bevor sich Smyth in späteren Jahren der Schriftstellerei zuwandte, konnte 1926 eine weitere komische Oper, Entente Cordiale, die 1925 am Royal College of Music zu London Debüt feierte. Über den weltlichen Vokalwerken sollte einmal ihre kontrapunktisch mit Raffinesse gearbeitete Messe in D-Dur nicht vergessen werden und ebensowenig ihre zahlreichen Kammermusikwerke vor allem der Leipziger Zeit, wozu einige Streichquartette, Sonaten und Klaviersonaten, Lieder und Werke für Orgel stammen. Das letzte größere Werk war The Prison (1930), ein Oratorium für Soli, Chor und Orchester. Auch ein späteres Konzert für Violine, Horn und Orchester (1928) und eine Sinfonie für kleines Orchester (1878-1884) sollten in einer kurzgefassten Werkbiographie erwähnt werden.

Literatur u.a.

Olivier, Antje; Sevgi Braun: Komponistinnen aus 800 Jahren. Köln 1996. S. 380-382.
Riemann Musik Lexikon. Band 5. Mainz 2012. S. 60.
Silberbauer, Angelika: Die Kultur der Anderen. Ethel Smyths (1858-1944) Strategien zur (Selbst-)Positionierung als britische Nationalkomponistin. Münster 2025. (= Diss. Wien 2025)