Klavierperlen – mit und ohne Singstimme

Romanautorin Jane Austen besaß die ‚Sechs Sonaten‘ von Jane Mary Guest. (J. E. Austen-Leigh, 1870,
Cassandra Austen, GB p.d.)

Sogar Jane Austen spielte auf dem Klavier ihre Sechs Sonaten für Cembalo oder Pianoforte mit Begleitung durch Violine oder Flöte aus dem Jahr 1783, in dem diese mutmaßlich publiziert wurden. Einer verdienstvollen Site, die zahlreiche Informationen über vergessene oder nicht mehr beachtete Komponistinnen bereithält, ist deshalb wohl der Fehler unterlaufen, neben den Daten über die Tonsetzerin ein Bild von Jane Austen statt ein authentisches zu platzieren. Gesicherte Porträts von der aller Wahrscheinlichkeit nach in Bath im Herzogtum Somerset geborenen späteren Pianistin Jane Mary Guest gibt es jedenfalls keine, und dies, obwohl sie zu ihrer Schaffenszeit mit eigenem wie fremdem Repertoire auftretend sehr geachtet und beliebt war.

Als einer ihrer bedeutenden Instrumentallehrer in Bath gilt der später als Theaterdirektor Karriere machende Cembalist und Organist Thomas Linley, außerdem erhielt Guest dort Unterricht von Thomas Orpin und trat schon mit sechs Jahren in eigenen Aufführungen am Klavier an die Öffentlichkeit, was auf die hohe musikalische Begabung schließen lässt. Als junge Frau setzte sie 1776 ihre Studien bei Johann Christian Bach in London fort; drei Jahre später konzertierte sie bereits des öfteren in London, wo sie sich durch ihr ausdrucksvolles Klavierspiel einen Namen machte. Gesichert ist, dass sie auch Klavierkonzerte komponierte, die leider nicht erhalten sind.

Ihr Sonatenalbum widmete Jane Mary Guest (1762 – 1846), was nicht nur in ihrer Epoche üblich war, der Königin von Großbritannien. (Bibliothèque nationale de France, département Musique, A-34269, p.d. F)

Auch im Königshaus wurde man auf die einfühlsame Virtuosin und Komponistin aufmerksam und engagierte sie als Tutorin im Sinne einer Dozentin für Prinzessin Amalie, die jüngste Tochter von König George III.; danach bekam sie ein Engagement zur Förderung der Prinzessin Charlotte von Wales, der Tochter von Thronfolger George IV. Jane Mary Guest blieb bis zum Ende ihrer Karriere als Pädagogin, Pianistin und Komponistin in London.

Ihre Musik war auch im Bürgertum populär, denn einige ihrer Klavierballaden mit Singstimme wurden zu Tunes im Rang überall verbreiteten Liedguts, was wiederum ihren Besitz im Notenschrank von Jane Austen erklärt. 1820 etwa trug Guest zu dem Genre mit der Ballade Marion, or Will Ye Gang to the Burn Side bei, 1823 mit Robert Burns munterem Liebeslied The Bonnie Wee Wife. 1829 folgte das Duett The Fairies Dance, kurze Zeit später der ausgelassene Tune The Bonnie Lassie. Daneben pflegte Jane Guest auch tanzbare Klaviermusik mit der Polka La Jolie Julienne (1826) oder im selben Jahr mit dem Walzer La Georgiana mit Introduktion.

Literatur u.a.

Trevor Fawcett: Bath Entertain’d: Amusements, Recreations and Gambling at the 18th-Century Spa. Bath 1998. S. 130-133, 144.