Was übrig blieb

Max Reger attestierte ihr ein „ausgesprochenes Kompositionstalent“, nachdem er an das Leipziger Konservatorium gekommen war und sie ebenda unterrichtete. Dort war die aus Wien gebürtige Sofie Rohnstock bereits Klavierstudentin von Robert Teichmüller geworden, hatte Theorie und Tonsatz bei Salomon Jadassohn gelernt und ihre praktischen Fähigkeiten bei dem Orgeldozenten Paul Homeyer vertieft. Als „Frau“ wurde sie von Carl Straube abgewiesen, nachdem sie versucht hatte, in dessen Orgelklasse Eingang zu finden.

Konservatorium Leipzig (Hugo Licht, 1886, CC-Liz., D/US p.d.)

Trotz einer aussichtsreichen Laufbahn gab es immer wieder Rückschläge zu verkraften: Rohnstocks G-Dur-Streichtrio, aufgeführt in der Berliner Akademie der Künste, gewann den ersten Preis, jedoch wurde die erfolgreiche Komposition – aus Neid oder Missgunst? – von einer unbekannten Person entwendet. Sie schrieb das Trio, soweit sie sich an alles erinnern könnte, nochmals auf und publizierte es bei dem damaligen Gräfelfinger Musikverleger Thomi-Berg, der noch heute unter dem Namen der Geschäftsführerin Elisabeth Thomi-Berg in Planegg firmiert. Auch bei einem seinerzeit namhaften Hamburger Dirigenten eckte sie zwischen 1940 und 1950 an: Er lehnte die Aufführung ab, weil er große Vorurteile gegenüber Frauen als kreativen Musikern hegte, hätte einen „unbegabten Mann“ einer Frau vorgezogen.

Den größten Rückschlag ihrer Karriere erlebte Sofie Rohnstock (1875 – 1964), als bei einem Bombenangriff auf Leipzig mit ihrer Wohnung auch das ganze Werk, das ansehnlich umfangreich war und aus Sonaten, Inventionen, Kanons, Quartetten für Holzbläser und mehreren Streichquartetten bestand, vernichtet wurde. Die Komponistin gab nicht auf … Aus diesem Grund ist wenig von ihrem Gesamtschaffen übrig geblieben.

Max Reger im Jahr 1896 (www.kulturstiftung.de, D p.d.)

Eigentlich hatte Rohnstock von Anfang an Pianistin werden wollen, sicher angeregt durch ihren Klavierunterricht als Jugendliche bei einer Schülerin von Artur Rubinstein in Lodz, doch übte das Komponieren etwas später eine noch größere Faszination auf sie aus als der Weg einer Virtuosin durch die Konzertsäle. Ihre beiden Sinfonien sind nicht überliefert, ebenso wenig die Quartette für Holzbläser. Einzig noch aufgeführt werden können zwei Klavier-Präludien, erhalten im Reger-Archiv Meiningen, ein Duettino und das besagte Streichtrio. Immer wieder wird vereinzelt ihre Kammermusik gespielt, doch wurde sie, da ja der Großteil ihres Schaffens unwiederbringlich fehlte, wie viele andere fast völlig vergessen.

Literatur u.a.

Antje Olivier, Sevgi Braun: Komponistinnen aus 800 Jahren. Köln 1996. S. 348f.


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