Tivoli Gardens (2), European Commission 30.5.2021, CC-Liz.

Wiederbelebung erwünscht

Eine ins Abseits gestellte wahre Europäerin der Musikhistorie des 20. Jahrhunderts ist ins Licht zu rücken, denn sie bereicherte sowohl das mittel- und südosteuropäische Repertoire, wobei folkloristische Interessen eine Rolle spielten, als auch das dänische. Wie es so oft der Fall ist: Während ihrer Lebensarbeitszeit erwiesen sich Irene Osianders Kammer- und Klaviermusik, was für Frauen bis ins 20. Jahrhundert in Mittel- und Nordeuropa eher als Ausnahme galt, zumindest in Dänemark einigermaßen beliebt beim Publikum, der dichten männlichen Netzwerke im Musikleben Dänemarks fielen allerdings vollkommen zu Unrecht der journalistischen Kritik zum Opfer.

Blick auf Tiflis, Georgien, heute, der Stadt, aus der die in Dänemark tätige Komponistin Irene Osiander (1903 – 1980) stammte (Diego Delso, 29.9.2016, CC-Liz.).

Auffällig ist der Umstand, dass die 1903 in Tiflis geborene spätere Klavierstudentin Dänemark als ihre eigentliche Heimat betrachtete und sowohl dort auch in Berlin in erster in erster Linie von Klavierpädagoginnen wie der Armenierin Osanna Ter-Grigorium unterrichtet wurde, während sie zum Ende ihrer Studienzeit ausschließlich bei den männlichen Komponistengrößen Kopenhagens, vor allem Vagn Holmboe, lernte. Von Kreativität und Schaffenselan zeugt ihrem Zweifachstudium zufolge auch ein größerer Anteil auf der einen Seite freier ebenso wie eher gebrauchsmäßiger Klaviermusik, die mit den Orientalske variationer (op. 38) und speziell für Gymnastikstunden geschriebene Musik die Breite ihrer Interessen spiegeln. Es bleibt zu hoffen, dass ihre veröffentlichten Werke auch wieder Gehör bei einer breiteren Öffentlichkeit finden.

Poul Friis Nybo: Frau am Klavier (ca. 1929, http://www.artistsandart.org/2009/12/poul-friis-nybo-1869-1929danish-painter.html), CC-Liz.

Leider sind den Herausgeberinnen des Lexikons Komponistinnen aus 800 Jahren immer wieder eklatante Fehlzuschreibungen unterlaufen, was die Palette der Orchesterkompositionen von Irene Osiander doch wieder reduziert. Osiander verfasste vor allem kleinere Formen, Klavierstücke und Lieder. Für die Besetzung Flöte und Klavier schrieb sie eine Pastorale (op. 70). Aus dem Überblick gehören zu ihren echten, im seit langem existierenden Musikverlag Edition Wilhelm Hansen erschienenen Werken für Klavier die Lille Suite Op. 29, Variationer op. 34, ein Caprice op. 46 sowie Negerdrengens Serenade Op. 52; letztere ist übrigens eine eher aus dem romantischen Exotismus des späten 18. und 19. Jahrhunderts hervorgegangene Komposition und enthält keinerlei diskriminierende Anspielung gegen dunkelhäutige Menschen.

Heute haben es komponierende Frauen leichter als zu Irene Osianders Zeit, in größeren Foren wie dem Koncerthuset Kopenhagen Gehör zu finden. (Fred Romero, 11.8.2016, CC-Liz.)

Osiander forschte im publizistischen Sinn häufig in Archiven und andernorts über kaukasische, wohl folkloristische Musik, die mit den Erinnerungen an ihre georgische Heimat zusammenhängen mögen, es sind aber keine daraus hervorgegangenen Kompositionen bekannt.


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