Annäherung an historische Authentizität

Am 5. Mai passierte im Schloss zu Versailles etwas Ungewöhnliches: Ein von Wissenschaftlern der Universität Sorbonne und dem Kunstkollektiv Obvious eingerichtetes, von der KI ausgeführtes quasi-barockes Schauspiel mit mehr oder weniger originaler, aber tatsächlich niemals in der Barockzeit komponierter Musik, die unter anderem an Jean-Baptiste Lully erinnerte, ging über die Bühne.

Jan van Biljaert (ca, 1579 – 1671): Musical Company (vermutlich vor 1650; NL p.d.)

Auch wenn das Publikum zunächst die für Ende des 17. Jahrhunderts typische Aussprache der Spieler befremdlich fand, konnte sich das Stück so authentisch präsentieren, dass sich selbst diese von den meisten bisherigen Aufführungen barocker Musik aus Versailles um 1680 nicht realisierte Eigenart organisch in die Präsentation der gesamten, sehr an Molière erinnernden Komödie L’Astrologue ou les Faux Présages, zu deutsch: Der Astrologe und die falschen Vorhersagen einfügte. Diese war schließlich mit allen nur denkbaren literaturwissenschaftlichen, historischen, linguistischen, kulturgeschichtlichen und musikwissenschaftlichen Informationen über das Versailler späte 17. Jahrhundert gefüttert worden.

Scott Pauley spielt Theorbe. (7.10.2023, Triciaburmeister, CC-Liz.)

Das fünfstimmig nach französischer Barockart spielende Ensemble selbst nutzte ein Instrumentarium im Sinne der historischen Aufführungspraxis aus Barockvioline, Viola da Gamba, Theorbe und Cembalo; es wurde dabei ein amalgamiertes Klangszenario aus den dominierenden, aber spezifisch französischen zeitgenössischen Kompositionen geschaffen, das die Zuhörer verblüffte.

Jean Baptiste Poquelin alias Molière: größter Beiträger für das KI-ausgeführte Stück in Versailles am 5.5.2026 (Pierre Mignard, ca. 1658, Condé Museum, PE 313, F. p.d.)

Selbst bei den Kostümen sorgte eine „Kooperation“ aus dem Wissen eines jahrhundertealten, genuin höfischen Schneiderhandwerks mit den digitalen Entwürfen der KI für eine täuschend echte Umsetzung. Jede Besucherin, jeder Besucher konnten tatsächlich glauben, ein echtes Molière-Stück mitzuerleben, wobei immer bewusst gehalten werden sollte, dass das Gesamtkunstwerk aus Farben, Bühne, lustiger Handlung und Musik von Menschen verantwortet wurde und nicht von einem selbständig agierenden KI-„Roboter“.


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