Anmutungen und Experimente

Die renommierte zeitgenössisch komponierende und als Fach auch lehrende Hochschulprofessorin Constanzia Gourzi führte selbst in den Abend des Ensembles Oktopus im Kleinen Konzertsaal der Münchner Musikhochschule am 2. Juni ein. Aus der Kombination von Stilleepisoden, Geräuschen und nur andeutungsweise musikalischen Elementen lässt Peter Ablinger, Jahrgang 1959, ein Gesamtkunstwerk entstehen. Nicht zuletzt wohl, da der Komponist ebenso Experte für Grafik wie auch Komposition ist, lag ihm das Werkschaffen auch unter Aspekten räumlicher Auf- und Darstellung bei der Aufführung eines Werks.

Metka Chmugelj und Arturo Salvalaggio (H.-P. Mederer, 03.06.2026)

Innerhalb von Ablingers fortlaufend ergänzter installativen Werkreihe Weiss/Weisslich war als 4. Teil ein Arrangement aus einzelnen Spielern von Traversflöte, Trompete, Oboe, Tuba und drei Pianisten an jeweils einem Instrument zu hören und absichtsvoll gleichermaßen zu sehen. Die Szenerie ist von Positionen auf der Bühne und längeren, genau getakteten Momenten der absoluten Bewegungslosigkeit der Teilnehmenden bestimmt, die beteiligten Instrumente werden überwiegend als Geräuschgeber verwendet. Der Zusammenhang oder auch eine kohärente Interpretation ist nur aufgrund der Sicht auf das Ganze akustisch und dramaturgisch zu „verstehen“.

Mit Deutschland verbindet die aus Brisbane stammende Oboistin und Komponistin und mehrfachen Preisträgerin Cathy Milliken ein Studium bei Heinz Holliger in Freiburg. Von den Programmverantwortlichen an der Musikhochschule, voran dem musikalischen Koordinator des Ensembles Armando Merino, war die Repräsentation ihres 2024 geschriebenen Solostücks Espirar für die Oboe also geschickt gewählt. Der Titel verweist natürlich einmal auf die schwierige Blastechnik des Instruments, andererseits auf die zusätzliche Herausforderung, das Spiel mit „Geist“ zu beleben. Die Umsetzung dieses Spagats gelang dem Oboisten Arturo Salvalaggio sehr überzeugend.

An der Tuba: Yuya Tanaka. Rechts hinten im Bild: Der Künstlerische Leiter des Ensembles Oktopus, Armando Merino. Metka Chmugelj, Flöte und Arturo Salvalaggio, Oboe (H.-P. Mederer, 03.06.2026)

Der 1938 in Massachusetts geborene Avantgarde-Pianist und Komponist Frederic Rzewski, der vor 5 Jahren in der Toscana verstarb, wurde einem breiteren, auch nicht auf postmoderne Kunstmusik eingestellten Publikum, durch seine 13 studies for instruments bekannt, deren Variationen voller Energie und Raffinesse in der Durchführung sind. Sie wurden vom Ensemble Optopus in der schon aus den letzten Jahren gewohnten Präzision und hohen Qualität ausgeführt. Die Besucherinnen und Besucher des Konzerts konnten nach dieser Darbietung den hohen Bekanntheitsgrad des über den langen Zeitraum von 1972 bis 1977 entstandenen Werks sicherlich gut nachvollziehen.

Nina Šenk, geboren 1982, ist derzeit Sloweniens bekannteste Komponistin postmoderner Musik. Bei ihrem von Dimitrios Schwechheimer und einem der Pianisten des Ensembles präsentierten Stück Reflections (2013) handelt es sich nicht etwa um eine Studie über Nachdenken, sondern es geht nach den eigenen Worten der Komponistin um die Spiegelung zweier Instrumente, von denen keines den dominierenden Part vertritt. Jazz spielt insofern in das Stück hinein, als die Trompete dessen Rhythmik aufgreift. Originell insgesamt ist, dass beide Instrumente zunächst nur einzelne Töne und Geräusche hervorbringen und in langsamer Steigerung erst einen gemeinsamen Klangraum erarbeiten, aus dem hervorgeht, dass sie nicht so unterschiedlich sind, wie sie dem Hörer im ersten Moment erscheinen mögen.

Trompeter Dimitrios Schwechheimer zeigt sein Können. (H.-P. Mederer, 3.6.2026)

Die längste Zeit des Konzerts beanspruchte nach Merinos Ankündigung vor der Pause Terry Rileys symphonisch auskomponierter „Prototyp“ der Minimal Music, das bekannte In C (1964), eine von mehreren Instrumenten erspielte und nur aus Brechungen, Ballungen und rhythmischen Verschiebungen an den „Ur-Akkord“ C-Dur bestehende Hommage. Vergleichbar in seiner defizitären Komplexität, aber Rhythmus-Synkopik, wenn man so will, ist diese „Studie“ wohl nur noch mit Philipp Glass‘ Einstein on the Beach (1975/76) zu vergleichen. Bei diesem Werk für größeres Ensemble – es waren mehrere Klaviere im Einsatz – besteht die schwierige Aufgabe ganz sicher auch in einem sportlichen Aspekt, dem Durchhalten des Rhythmus und seiner Varianten bis zum Ende …


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