Es scheint immer wieder so oder ähnlich vorgekommen zu sein: Die 1904 in Brüssel am Théâtre Royal uraufgeführte Operette Arlette der Pianistin und Komponistin Jane Vieu erlebte zwar eine äußerst erfolgreiche Aufführungsgeschichte, doch wurde sie im Nachgang von anderen Komponisten zeittypisch wenig respektvoll auf Urheberrechte adaptiert: 1917 erschien eine britische Arlette, wobei das Original ihrer Schöpferin von Ivor Novello und Guy le Feuvre weitgehend überarbeitet und umgestaltet wurde. Dabei handelte es sich weitgehend sogar um Neukompositionen, was einen Hinweis auf eine gängige Praxis geben könnte. Um sich in London am Shaftesbury Theatre patriotischer präsentieren zu können oder sich selbst ins Rampenlicht zu rücken, wurde die ursprüngliche Musical Comedy stark verändert., oder wollte man die Bedeutung der ursprünglichen Operette nicht anerkennen, weil eine Frau als Komponistin mit einem herausragenden Werk nicht erfolgreicher sein „durfte“ als die für Tonkunst „prädestinierten“ genialen Männer?

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Jane Vieu (1871 – 1955) selbst war zu ihrer Lebensarbeitszeit ausgesprochen kreativ und aktiv, komponierte etliche Orchesterwerke, diese mit einem besonderen Faible für Tänze mit Klavier und Orchester wie Contredanse, Valse des Merveilleuses, Tarantelle und die Ballett-Pantomime Au Bal de Flore, zahlreiche Chansons, die in der Regel bei Ricordi in Paris verlegt wurden, Kammermusik mit teilweise ungewöhnlicher Besetzung wie den Konzertwalzer Castillante für Mandoline und Klavier, ein Minuetto für Streichquartett mit Klavier, ebenso an Tanzrhythmen orientierte solistische Klaviermusik (Menuet du lys), darüber hinaus weitere Orchestermusik wie das Air de ballet Colombine, insgesamt vier heitere Operetten mit Tendenz zum Musical. Für Kinder mitgedachte Bühnenmusik kommt dazu, etwa Aladin, féerie chantée oder die Märchenumsetzung La Belle au Bois dormant für Violine und Klavier, von der auch eine Version für Sopran und Klavier vorliegt.

Noch Ende der 1990er Jahre war die Biographie von Jane Vieu öffentlich gar nicht erschlossen. Heute weiß man etliches mehr, dass sie öfter, um sich mehr Publizität zu verschaffen, das Pseudonym Pierre Valett verwendete, dass sie ihre Studien in Komposition bei Jules Massenet (1842 – 1912) betrieb und gesanglich an der Hochschule von Marie Caroline Miolan-Carvalho unterrichtet wurde, während sie Kontrapunkt-Stunden bei André Gedalge nahm. Die Operette Madame Tallien (1902), für die die Librettistin Theresia Cabarus den Text beisteuerte, begründete schließlich ihre Prominenz in der Welt der großen Bühnen. Dennoch schien sie genau gewusst zu haben, das sie Aufmerksamkeit – wie viele Komponistinnen zwischen der Frühklassik und dem Expressionismus – nur bekommen konnte, indem sie das männliche Pseudonym verwendete.

Es blieb aber nicht bei der Komposition originellen Repertoires; Vieu, auch als Jeanne Elisabeth Marie bekannt, gab einen Band mit Klavierübungen unter dem Titel Dix lecons du solfège heraus, das im Pariser Konservatorium fortan als Unterrichtsliteratur gebraucht wurde. Für eine Frau ihrer Generation konnte sie sich ausgesprochen erfolgreich gegen alle Widerstände als wichtige Stimme des französischen Konzert- und Musiktheaterlebens durchsetzen, vergleichbar wohl nur mit ihrer ebenso in Paris wirkenden Augusta Holmès, der es ja gelungen war, Musik mit Irlandbezug bekanntzumachen. Harmonisch und formal war Jane Vieu, beim Hören ihrer Werke leicht festzustellen, dem 19. Jahrhundert und der Spätromantik verpflichtet,
