Anlässlich eines Festivals der Neuen Musik spielte Marcelle de Manziarly ihr eigenes, 1932 komponiertes Klavierkonzert mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung von Alfredo Casella. Vor allem, weil sie sich in verschiedenen, auch nicht-europäischen Stilen erprobte, ist es bedauerlich, dass die ehemalige Studentin von Nadia Boulanger in Paris nicht noch mehr Orchestermusik geschrieben hat, obwohl ihr Gesamtwerk von beachtlichem Umfang ist und viel Kammermusik, solistische Klaviermusik und Vokalmusik in überwiegend kleiner Besetzung umfasste. Ihre Sonate pour Notre Dame schrieb sie zwischen 1944 und 1945 anlässlich der Befreiung ihrer Heimatstadt Paris von den Nationalsozialisten, 1950 entstand als Gelegenheitsmusik eine Musique pour Orchestre, Incidences schloss den Kreis ihrer Orchesterwerke wiederum in der Besetzung eines Klavierkonzerts.

Immerhin war die Dirigentin und Komponistin Marcelle de Manziarly zu Zeiten ihrer hohen Produktivität trotz der männlichen Dominanz unter den Berufskollegen erfolgreich, erhielt etwa mit gerade 21 Jahren den 1. Preis der Ligue des Femmes de Professions Liberales für ihre 1920 veröffentlichte Sonata für Violine und Pianoforte.

Abwechslungsreich verlief Manzarlys kompositorischer Werdegang: Sprach sie mit einer gewissen „Verspätetung“ in jungen Jahren dem Impressionismus zu, griff sie Referenzen auf diesen zu Anfang der 1950er Jahre mit einem Trio für Flöte, Violoncello und Klavier wieder auf. Sie praktizierte zwischenzeitlich aber auch tetratonale Satzweisen, wie ihre Sonate für zwei Klaviere von 1946 zeigt. Auf einer Indienreise machte sie Bekanntschaft mit Rabindranath Thakur und ließ sich in Folge auch von der völlig andersartigen indischen Tonalität anregen. Ihre späteren Schaffensjahre verbrachte Marcelle de Manziarly in den Vereinigten Staaten und Frankreich wechselweise, blieb aber zuletzt im kalifornischen Ojai.
