Stimmungen und Momente des täglichen Lebens

Neben Sappho, Erinna, Korinna, Nossis, Telesilla, Praxilla, Moiro, Hedyle, Diophile und Philinne, um nur einige der griechischen Lyrikerinnen zwischen der archaischen und der hellenistischen Periode zu nennen, war die um 300 vor unserer Zeitrechnung wirkende Anyte von Tegea, in der antiken Welt weithin bekannt und geschätzt. Musikalität und präzise Wortwahl sowie eine verflochtene Syntax zeichnen ihre zahlreichen Gedichte zu Landschaften, Epigramme für Menschen und Tiere und Weihepigramme aus; leider ist uns auch von ihrem Gesamtwerk bislang nur ein Bruchteil bekannt geworden.

Tiersymbole als Bronzeanhänger im Archäologischen Museum von Tegea, der Heimatstadt der Dichterin Anyte (Gregor Hagedorn, 8.6.2017, CC-Liz.)

Besonders auffällig auch in Abgrenzung zu anderen Dichtenden der hellenistischen Epoche ist ihre Einstimmung ins Alltägliche und der Ausdruck ihres Mitempfindens für die belebte Umwelt. Die von ihr eröffneten Szenerien reichen dabei in einen Mikrokosmos des Alltags hinein. Beobachtungen scheinen flüchtig, zeichnen sich in der Ausführung aber durch ein großes Zartgefühl für ihre kreatürliche Umgebung aus. Dabei ist ihr Empfinden tief im mythologischen Denken verwurzelt, das sich aber nie in den Vordergrund drängt, denn sie bleibt ganz der erlebten Lebenswelt verbunden.

Ihrer Herkunft nach ist Anyte in Arkadien, nahe dem heutigen Tripolis zu verorten. Tegea war zu ihrer Zeit von Sparta dominiert, obwohl es etwa 170 Jahre zuvor Versuche gegeben hatte, sich durch Bündnisse und bellizistische Ausbruchsversuche durch arkadische Bündnisse mit Argos in der nordöstlichen Peloponnes von dieser Vorherrschaft zu befreien. Diese Situation mag ein weiterer Faktor neben patriarchaler Dominanz in Politik, Gesellschaft und Kultur gewesen sein, den Blick auf das unscheinbare Leben kleiner alltäglicher Umstände und Veränderungen zu richten und Anyte tut dies mit Wahrnehmungsgabe und präziser Beobachtungsfähigkeit. Davon legt zum Beispiel Anytes Epigramm für zwei Kleintiere Zeugnis ab, die von einem kleinen Mädchen betrauert werden:

Der Heuschrecke, der Sängerin des Feldes, und der Zikade
diesen beiden fügte Myro ein Grab aus Hölzchen unter der Eiche zusammen,
vergoss aus den Augen eine jungfräuliche Träne, denn diese beiden
Spielzeuggefährten hielt der unerbittliche Hades fest und verschwand mit ihnen.

Ein andermal, als hätte sie ein poetisches Zeichen an einem Wegrand hinterlassen, wendet sich Anyte mitfühlend an einen müden Wanderer:

Setz dich, unter einen wo auch immer schön erblühenden Feigenbaum,
um süßen Trank von einer schönen Quelle zu schöpfen und zu trinken,
auf dass du die von den Mühsalen atemlosen Glieder zur Ruhe bringst,
den schweren Atem, vom Zephyrus geschlagen.

In einem weiteren Epigramm erwähnt Anyte den Tod eines Hundes, für den sein Frauchen Myrrhine ein Grab errichtete. Das Tier wird mit warmen Worten bedacht und gerühmt: Es sei auf dem Feld ein Wächter, „im Haus ein Freund“ gewesen.

Ein Weihegedicht gilt einer Skulptur der Aphrodite auf einer Klippe:

Das ist das Land der Kypris, wer auch immer gerne hinfuhr,
das glänzende Meer vom Festland aus zu betrachten,
damit den Seeleuten eine glückliche Fahrt gewährt werde; ringsherum
sähe er das Meer erschrecken aus Ehrfurcht vor der prunkvollen Götterstatue.


Die Zuschreibung geht auf eine apokryphe Anekdote durch den Reiseschriftsteller und Geographen Pausanias hervor. Sie steht dort im Zusammenhang mit einem von ihm erwähnten epischen Gedicht Naupaktia, bezogen auf Naupaktos am Korinthischen Golf. Naupaktos besaß sowohl ein Artemis-Heiligtum als auch eine Weihestätte der Kypris, also der Aphrodite.


Als Pausanias selbst das Asklepios-Heiligtum dort besuchte, soll es in Trümmern gelegen haben. Die Ankedote spinnt sich fort: Ein Mann namens Phalysios soll dieses nämlich gegründet haben. Anyte sei von der Weihestätte für Asklepios inspiriert gewesen und habe diese selbst aufgesucht. Sie soll dem Erbauer eine Wachstafel mitgebracht haben. Phalysios hätte nun zu dem Gott gebetet, er möge ihn von seiner Blindheit befreien. Plötzlich habe er den Brief mit dem Siegel auf der Wachstafel lesen können, der besagte, dass er Anyte 2000 Goldstücke geben solle. Er habe sie ihr ausgehändigt und anschließend das Asklepios-Heiligtum eröffnet haben.

Neunzehn von einer Vielzahl von Gedichten Anytes sind gesichert und Teil der Planudea- bzw. Palatina-Sammlung. Große Wirkung übte die Lyrikerin auf den Epigrammatiker Mnasalkes aus, auch Theokrit und Virgil könnte sie nachhaltig beeinflusst haben.


Anyte

An einen Delphin.

Thanos Tsaknakis: Anyte. In: ders. (Hg.): Των σιωπηλών σπαράγματα. Ποιήτριες του αρχαίου κόσμου. Athen 2021. S. 17-25. Mit einem weiteren Gedicht „Auf den Hahn“, S. 26f.

Literatur u.a.

Bernhard Kytzler: Lexikon der griechischen und römischen Autoren. Stuttgart 1997, 2000 und 2007. S. 40.

Bartolo A. Natoli, Angela Pitts, Judith P. Hallett: Ancient Women Writers of Greece and Rome. Oxford und New York 2022. S. 144f.

Neueste Forschung:

Tasoula Karageorgiou (Hg.): Ανύτη η Τεγεάτις: Τα ποιήματα. Πρόλογος – Μετάφραση – Σημειώσεις. Athen 2024.


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