Im Schatten und dennoch nicht vergessen

Aus Loyalität zu ihrem Mann Ottorino Respighi und aus Berufung unterstützte ihn seine Frau Elsa Olivieri Sangiacomo bei etlichen seiner Arbeiten, doch versäumte sie dabei wohl immer wieder, ihr eigenes Schaffen voranzutreiben. Dennoch gilt es als ungewöhnlich, dass durch ihr Insistieren viele gemeinsame Projekte, zu denen jede(r) der beiden hochbegabten Musiker seine Vorstellungen einbringen konnte, erfolgreich ausgeführt werden konnten. Dass Ottorino Respighis bekanntestes und populärstes Bühnenwerk Antiche Arie e Danze nach seinem Tod abgeschlossen werden konnte, ist Elsa Olivieri und sekundär dem Librettisten Carlo Guastalla zu verdanken; andernfalls wäre es als Fragment in einer Schublade verblieben.

Elsa Olivieri (1894-1996) mit Ottorino Respighi in den 1920er Jahren (aus Christopher Nupens Film ‚Ottorino Respighi: A Dream of Italy‘ (Detail, US file)

Sie absolvierte am Istituto Nazionale di Musica und dann am Konservatorium Di Santa Cecilia in Rom ein umfassendes theoretisch wie praktisch bildendes Studium, wobei der namhafte, noch in der tonalen Spätromantik zu verortende Giovanni Sgambati, heute dem Publikum bekannt für seine dicht gearbeiteten Klavierkonzerte, ihr Klavierdozent war. Stunden in Harmonielehre und Kontrapunkt belegte sie bei Remigio Renzi, ihr späterer Mann Ottorino Respighi, den sie 1919 ehelichte, unterrichtete sie in Komposition. Erst ab 1936 hatte sie wieder die Muße, sich dem eigenen Schaffen zu widmen.

Dazu gehören drei umfangreiche Orchestersuiten und die zusammen mit ihrem Mann für großen Klangkörper bearbeitete Passacaglia von J.S. Bach sowie das symphonische Gedicht Serenata di Maschera, das bei Ricordi in Mailand verlegt wurde. Für die Kirche komponierte Olivieri Sangiacomo neben einer Kantate Choräle für Chor a cappella, für die Bühne fünf Opern, darunter Alceste (1941) und Samurai (1945) sowie deutlich später die Bühnenmusik Il teatro di Respighi (1978). 1Vor allem zwischen 1916 und 1921 entstanden etliche Lieder in den Sprachen Italienisch, Spanisch und Französisch. 1954 publizierte Elsa Olivieri eine Biographie ihres Mannes.

Ausgabe zweier italienischer Lieder von Elsa Olivieri Sangiacomo bei Berben Edizioni Musicali (ISMN: 9790215916173)

Sich einen Namen zu machen war für sie zu Lebzeiten und noch mehr im Gedächtnis der Zeitgenossen in zweifacher Weise schwierig: Einmal stand sie aus Perspektive der meisten Konzertgänger im Schatten ihres prominenten Manns, zweitens hatte sie mit dem Problem der Anerkennung als weibliche Kunstschaffende überhaupt zu tun, denn ungeachtet der Tatsache, dass sie in Italien eine gewisse Popularität erringen konnte, spielten Frauen im allgemeinen in der Musik für die Öffentlichkeit seit spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts eine untergeordnete Rolle, aus der auszubrechen selten möglich war. Immerhin ist nach ihr heute ein wichtiger italienischer Klavierwettbewerb benannt und sie genießt weiterhin Ansehen in Musiker- und Hörerkreisen.

Literatur u.a.

Antje Olivier; Sevgi Braun: Komponistinnen aus 800 Jahren. Köln 1996. S. 338f.


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