Eine Frau, die ihre Stellung weniger im Sinne des Ausbaus von politischer Macht ausnützte als vielmehr künstlerisch in die Breite wirkte: Maria Antonia Walpurgis von Bayern (1724-1780) und Kurfürstin von Sachsen schrieb nicht nur zwei Opern, für deren Aufführung sie Sorge trug, sondern verfasste für andere namhafte Komponisten Oratorien- und Kantatentexte, trat als Sängerin und Cembalistin am Hof von Sachsen hervor. Zudem malte sie und avancierte in letzterer Beschäftigung zum Mitglied ehrenhalber der abgesehenen Akademie San Luca zu Rom. Sie erfuhr im Vergleich zu mancher anderen zeitgenössischen Kunstschaffenden weniger Ignoranz durch männliche Künstler als vielmehr Ermunterung; unter anderem erwähnt Charles Burney in seinem Tagebuch einer Musikreise ausdrücklich Walpurgis lobend.

Als Tochter des bayerischen Kurfürsten Karl VII, der später zum Kaiser erhoben wurde, wuchs sie in München auf, wo sie ersten Klavierunterricht durch Giovanni Battista Ferrandini erhielt. Dieser fungierte zunächst als Komponist am Hof, bevor er 1737 zum Direktor der königlichen Kammermusik ernannt wurde. Maria Walpurgis dürfte durch ihn also professionellen Instrumentalunterricht genossen haben. Doch interessierte es sie vornehmlich, sich in Gesang und Komposition ausbilden zu lassen. Beide Fächer studierte sie bei Johann Adolf Hasse und Nicolò Porpora in Dresden, nachdem sie durch ihre Heirat mit dem Kurfürsten Christian Friedrich von Sachsen dorthin gekommen war.

Ihre eigenen Werke verabschiedete sie zur Veröffentlichung nicht mit ihrer fürstlichen Unterschrift, sondern mit dem Künstlernamen Ermelinda Talea Pastorella Arcada ETPA, den sie sich durch ihren Eintritt in die Römische Arkadische Gesellschaft erworben hatte. Erst allmählich wird im 21. Jahrhundert nun ihr umfangreiches musikalisches Oeuvre gewürdigt; beispielsweise setzt sich in München die ukrainische Cembalistin Veronika Sazonova dafür ein, dass die Musik der bayerischen, dann sächsischen Kurfürstin im Konzert erklingt und Weiteres, nachdem es vergessen war, aus der Taufe geholt wird. Denn es gibt nicht nur ihre Orchestermusik, ihre Lieder mit Klavierpart, ihre Kammermusik mit Sopranstimme, das Dramma pastorale Il trionfo della fedeltà und die Oper Talestri, Regina delle Amazzoni neu zu entdecken, sondern im religiösen Kontext ebenso Kirchenmotetten und das Oratorium La conversione de St. Agostino.

kommende Aufführung der Oper Talestri – regina delle Amazzoni:
Händel Festspiele 06.06.2026 19 Uhr
Literatur u.a.
Fischer, Christine: Höfische Wirkungsbedingungen: Aspekte musikalischen Handelns von Komponistinnen. In: Der Hof. 2013. S. 67 – 89.
Frings, Hans-Peter: Talestri. Gender und Affekte in der Oper. Bericht über das Symposium am 18.12.2022 zur Neuinszenierung von „Talestri – Königin der Amazonen von Amria Antonia Walpurgis. [Staatstheater] Nürnberg 2024.
Olivier, Antje; Sevgi Braun: Komponistinnen aus 800 Jahren. Köln 1996. S. 277f.
