Schwerpunkt Melodie

Am zweiten Streikmittwoch des Personals der Münchner Verkehrsbetriebe, am 11. Februar 2026, war es schon beinahe eine Leistung, an seinen Zielort zu gelangen. Noch größer war diese natürlich für die Performer des Abends, engagierte Schlagzeugstudenten der Hochschule für Musik und Theater, die ebenso wie ihr Publikum mit der Unbill des Wetters auf dem Weg zu kämpfen hatten. Diesmal fand eines der nicht genug zu lobenden kostenlosen Konzerte im Kleinen Saal X des HP8, der Außenstelle der Philharmonie im Gasteig, statt.

HP8 am Abend. Links davon ist der Kleine Saal X der zweiten „ausgelagerten“ Gasteig-Dependance verortet. (H.-P. Mederer, 11.2.2026)

J.S. Bach Nachempfundenes und Originales von ihm war vom Marimbaphon zu hören, das den größten Teil des Abends unter dem Motto „Sprechende Musik“ zusammen mit dem Vibraphon als Melodieträger zu beherrschen schien. Trotz der in jeder Taktgruppe spürbaren Anhängerschaft an Bachs Stil war Anna Ignatowicz Glinskas Toccata ein ganz individueller Ton zu eigen. Anders als einer gegenwärtigen Künstlichen Intelligenz ist es dem Menschen möglich, kreativ in einem personellen Sinn zu sein und gleichzeitig wie ineinander, nicht nur parallel Vergangenes, hier einen spezifischen spätbarocken Stil zu adaptieren und dennoch selbständige Ausdrucksqualitäten hervorzubringen. Guyen Sukhbataar gelang es, genau diese ineinandergreifenden Schichten herauszuarbeiten. Von Bach selbst wurde im übrigen das Prélude aus der Lautensuite c-Moll BWV 997 durch Byeon Hyun Lim in glasklarer Strukturabbildung präsentiert.

Simón Rubio Solis und seine Mitstreiter am Klavier, Kontrabass, Klavier und Schlagwerk (H.-P. Mederer, 11.2.2026)

Den Anfang hatte mit dem leider allzu kurzen, für Pauken geschriebenen Stück Saëta von Elliott Carter, einem großen Protagonisten der US-amerikanischen Moderne Mila Yimeng Qiao gemacht. Maximilian Fellermann ließ sich an der „Batterie“ mit Iannis Xenakis‘ Rébonds b hören, das mit seiner Knappheit täuscht; in sich handelt es sich ja um eine komplex organisierte Komposition. Vor der Pause zelebrierte eine Jazzcombo das aus längeren Sätzen bestehende Sailing for Phil vom Jazz-Komponisten Eric Sammut; die Melodien trug überwiegend das Vibraphon, in persona des Spielers Simón Rubio Solis. Zusammen mit dem Perkussionisten Jascha Bauer Heilmann war Maximilian Fellermann für den buntschillernd rhythmisierenden Schlagwerksound verantwortlich. Die Pianistin JiYoung Han ergänzte das Spiel in Passagen gesteigerter Emphase dramaturgisch wirksam, aber flüssig, in punktgenau gesetzter Dynamik.

Ziyi Liu am Setup (H.-P. Mederer, 11.2.2026)

Nach der Pause konnte die Zuhörerschaft zuerst Joseph Schwantners Velocities, vorgetragen von Ola Sønstebø, dann die ausgedehnten, aber von Ziyi Liu am Marimbaphon stimmig und energisch vorgetragenen Burritt Variations von Alejandro Viñao, Jahrgang 1983, mitverfolgen. Bei dem ganz anderen Schlagwerkstück Canned Heat konnte derselbe Perkussionist seine stupende Technik am Setup unter Beweis stellen. Den Abschluss bildete Franco Donatonis Komposition Omar. In allen drei energiegeladenen Werken entstand der Eindruck einer geringeren dynamischen Abstufung, denn die Register wechselten zwischen mittlerem Piano und einem eher statischen Forte.

Die Gesamtkonzeption des Abends unterstand Christian Wissel als Leiter einer der Schlagzeugklassen, doch ebenso viele Schüler von Alexej Gerassimez und Carlos Vera Larrucea waren mit von der Partie, daneben auch diejenigen von Wolfram Winkel und formten den gelungenen Musikhochschulabend.


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