Gute Stimmung anlässlich des in viele Länder der Welt übertragenen Live Streams zum Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker verbreitete sich im Saal des Musikvereins, nicht allein wegen der größtenteils allseits bekannten Walzer, Märsche und Polkas. Am Pult stand der Kanadier Yannick Nézet-Séguin, vielen bekannt durch seine Einspielungen spätromantischer Werke in den vergangenen 10 Jahren wie etwa einer außergewöhnlichen Interpretation von Rachmaninoffs 1. Symphonie.

Allmählich, wenn auch noch zögerlich scheinen Komponistinnen ins sehr traditionelle Repertoire des Wiener Neujahrskonzerts aufzurücken. Man erinnert sich: 2025 war es Constanze Geiger, von der der Ferdinandus-Walzer gespielt wurde. Die Gründerin des europaweit ersten Damenorchesters, Josephine Weinlich (1848-1887), war zur Mittagszeit des 1. Januar 2026 mit dem reinen Instrumentalwerk Sirenen Lieder, ihrer Mazurka op. 13, vertreten. Das Stück mit seinem Einsatz der Solovioline hat eine berückend melodische Satzstruktur, ist ebenso elegant wie innig ausgeführt und komplexer als so mancher Walzer aus der Feder von Johann Strauß Vater oder Sohn. Die eigene Großformation der Komponistin ging auf ein Streichquartett nur aus Frauen, das sie ins Leben gerufen hatte, zurück. Bevorzugte Genres waren im Damenorchester, das von 1868 bis 1879 existierte und Anerkennung genoss, auch wenn die Musikerinnen in Ensembles, kleineren oder größeren, zu dieser Zeit noch belächelt wurden und kaum Einnahmen aus ihren aufwändigen Konzertauftritten generierten.

Etwas ungewöhnlich, aber überaus passend, nahm es sich auch aus, dass Nézet- Séguin im Laufe des Konzerts auch den Rainbow Waltz der afroamerikanischen Symphonikerin Florence Price (1887-1953) dirigierte, der ja durchaus einmal größere Popularität genossen hatte. Der Grund hierfür war, dass Price sowohl eine Klavier-, als auch eine Orchesterfassung davon anfertigte; letztere zeichnet sich durch besondere Eleganz und tänzerische Leichtigkeit aus. Vom Pianisten ausgeführt klingt es eher poetisch und weist ein großes Klangfarbenspektrum auf, da sowohl europäische Vorbilder in die Komposition eingeflossen sind als auch Synkopen, die mehr an Scott Joplin denken lassen und pentatonische Wendungen beinhaltet, die ebenso in afroamerikanischer Musik des 19. Jahrhunderts ihren Platz hatten.

Von Johann Strauß Vater war beispielsweise der Galopp Der Karneval in Paris zu hören, vom Sohn die Diplomaten-Polka und vom Dänen Hans Christian Lumbye der vertraute Jernbane-Damp-Galop. Dem Dirigat Nézet-Séguins fehlte angenehmerweise jeder zu energische oder gar pathetische Zugriff auf das vom Wiener Walzer her gedachte Programm, es hatte genau dessen federleicht schwebenden Impetus, zu dem eher mit einem Prosecco als einem Champagner angestoßen worden sein mochte.
