Wien: Komponieren um 1900

Eine ebenso bis ins hohe Alter engagierte Komponistin wie großmütige Frau: Als Nicasius Schusser in seine eigene Oper ganze 52 Partiturseiten aus Mathilde Kralik von Meyrswaldens Musikdrama Blume und Weißblume nach der mittelalterlichen Erzählung von Fleur et Blanchefleur übernahm, hätte diese gerichtlich gegen ihn vorgehen können, unterließ es aber; immerhin legte sie das an ihrem Werk begangene Plagiat aber in der Presse offen. Ihre Bemühungen galten Zeit ihres Arbeitslebens der Emanzipation von Frauen in der Musik: Sie war Vorsitzende der Wiener Frauenchor-Gesellschaft und beteiligte sich maßgeblich an den Aktivitäten des Clubs der Wiener Musikerinnen, wo sie mit anderen überaus produktiven Komponistinnen wie Vilma von Webenau, Maria Bach und Alma Mahler zusammentraf.

Mathilde Kralik von Meyrswalden (1857-1944) in ihrem 26. Lebensjahr (Mathilde v. Kralik vM1, Privatbesitz, A p.d.)

Damit aber nicht genug fungierte sie als Ehrenpräsidentin des Damenchorvereins Wien, des Österreichischen Komponistenbundes und des Vereins der Schriftsteller und Künstler Wiens. Dass sie in einer Beziehung mit der Wissenschaftlerin Alice Scarlates zusammenlebte, mag dem konservativen Teil des Wiener Bürgertums nicht gefallen haben und auch sonst stießen Emanzipationsversuche von Künstlerinnen auf kein allgemeines Interesse. Allein durch Konzerte mit ihren Werken konnten sich Komponistinnen in der Kaiserzeit Gehör verschaffen.

Diese setzten schon vor der Wende zum 20. Jahrhundert viel daran, Aufmerksamkeit zu erringen. Im Brahms-Saal des Musikvereins fanden bereits 1894 und 1895 musikalisch-deklamatorische Frauenabende statt, zu denen Kralik von Meyrswaldens stets von vielen Einflüssen geprägte Musik erklang, sowohl instrumentale wie auch vokale. Hier sei erwähnt, dass sie mit Messen, Oratorien und einer Kantate zur geistlichen Kunst beitrug und keineswegs nur zu Oper, Kammermusik und weltlichem Lied beitrug. 1900 erklangen im Großen Saal des Musikvereins ihr Oratorium Die Taufe Christi und die Weihnachtskantate für vier Solostimmen und Orchester. Zum Anlass des 2. Wiener Neujahrskonzert 2025 wurde am 1. Januar dieses Jahres auch ihr Walzer Neues Wiener Journal 1930, gespielt vom Ensemble La Philharmonica, weiblichen Mitgliedern der Wiener Philharmoniker.

Haus des Wiener Musikvereins, das große Konzerthaus der Donaumetropole (Mirej, 10.8.2008, CC-Liz.)

Nach einem Studium für die Pianistenlaufbahn bei Julius Epstein und Unterricht im Kontrapunkt bei Anton Bruckner wurde Kralik von Meyrswalden, die aus einer Glasindustriellenfamilie in Linz kam, Schülerin von Franz Krenn und ihre Begabung zeitigte bald Erfolge durch eigene Werke und schon nach dem ersten Studienjahr hatte sie mit einem Klavierquintett einen Preis am Konservatorium gewonnen. Bei einem Wettbewerb anlässlich des Abschlusses der Kompositionsklasse erhielt sie wie ihr Kommilitone Gustav Mahler einen ersten Preis.

Dank der engen Zusammenarbeit mit ihrem Bruder Richard schuf sie zwischen 1898 und 1918 etliche Lieder mit Klavierbegleitung, zu denen er die Texte lieferte. Nicht zuletzt seien ihre Orchesterwerke angesprochen: Außer einem Violinkonzert in d-Moll (1936/37) und einer Symphonie in F-Dur schrieb sie zwei Fest-Ouvertüren (1897, 1906) und eine Hymnische Symphonie mit Sopranstimme (1903, 1942). Zudem entstanden solistische Stücke für Klavier und Orgel, Melodramen für Sprechstimme mit Klavier und drei Opern.

Aus einer Nacherzählung der Geschichte von Fleur und Blanchefleur mit den Illustrationen von Eleanor Fortescue-Brickdale (15.1.2018, GB? US p.d.)

Literatur u.a.

Raphaela Gromes, Susanne Wosnitzka: Fortissima! Verdrängte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt veränderten. München 2025. S. 241.

Antje Olivier, Sevgi Braun: Komponistinnen aus 800 Jahren. Köln 1996. S. 215f.