Bezeichnet eine vom Begriff „Zug“ abgeleitete Tirade in der Sprachausübung und Literatur bekanntermaßen einen langen Wortschwall, der nichts Wichtiges enthält oder aber eine litaneiartig vorgetragene Schmähung, so weicht der Terminus Tirata in der Musik in seiner Grundbedeutung wenigstens teilweise hiervon ab.

Gemeint ist (abgesehen von dem selbstbewusst gewählten Namen für das sehr lebendige Alte-Musik-Consort La Tirata) damit ein Ornament, das, seit dem Ende des 17. Jahrhunderts gebräuchlich, aus einen ab- oder aufwärtsgerichteten Lauf gleichwertiger Töne der diatonischen Skala besteht. Charakteristisch ist, dass die Tirata die Verbindung zwischen zwei Melodietönen herstellt, wobei eine kurze Pause nach dem ersten eintritt und der zweite Melodieton als Ziel angepeilt wird; vielleicht hängt dieses spezifische Merkmal mit Elias Walthers Deutung zusammen, tirate seien „Pfeile“; tatsächlich wurden verwandte Verben wie „werfen“, „schleudern“ oder „blitzen“ in der Barockzeit mithilfe der Verzierung im Sinne einer „Figur“ musikalisch ausgedrückt.
Dabei unterschieden die Theoretiker Elias Walther und Wolfgang Caspar Printz noch vier Formen ihrer Anwendung, die Tirata im Umfang einer Quinte (bei Walther alternativ einer Quarte), eines Intervalls zwischen Quinte und Oktave, als ganze Oktave oder schließlich deren Überschreitung. Übrig blieben etwa bei Johann Mattheson nur die tirata mezza, also die Quintform und die tirata perfecta, die den genauen Oktavabstand bezeichnet. Wäre es nicht naheliegend, dass die „Rakete“ der Mannheimer Hofkomponisten – von Rossini schließlich in anderer Weise effektvoll gebraucht – eine weitere Entwicklungsstufe der recht unauffälligen Verzierung darstellt?

Literatur u.a.
Erich Raschl: Die musikalisch-rhetorischen Figuren in den weltlichen Vokalwerken des Giovanni Felice Sances. (1977)
Cornelius Frowein: Aufführungspraxis kompakt. Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts stilgerecht interpretieren. Kassel 2018. S. 61 und bes. 63.