Ähnlich wie mehr als einhundertvierzig Jahre später Nadia Boulanger in Paris zog Antonio Salieri, der vorgeblich große Kontrahent Mozarts gleichsam magnetisch Kompositionsschüler an, von denen es wenigstens vierzig selbst als Meister ihrer Zunft weit brachten. Zu ihnen zählen Marianne Auenbrugger, Anton Reicha, Betty Vio, Giacomo Meyerbeer und Evangelista Antonín Tomáš Koželuh.

Nachdem Florian Leopold Gassmann seinen Eleven Salieri nach Wien „gelockt“ hatte, durchmaß letzterer vor allem dank Aufsehen erregender Opernprojekte eine ansehnliche Karriere als Komponist, die freilich zunehmend durch die hohe Verantwortung und das gewaltige Arbeitspensum des Kapellmeisterpostens zurückgestellt werden musste. Freilich versiegte sein Schaffen nie völlig; noch mit Palmira, Regina di Persia und Falstaff ossia Le tre burle feierte er 1795 und 1799 Erfolge.

Nach neueren Forschungen scheint er kaum ein direkter Konkurrent Mozarts gewesen zu sein, vielmehr erlaubte Wien als Zentrum der Habsburger Monarchie vielen begabten Köpfen in den diversen Künsten ein gutes Auskommen, ohne dass sich ihre Wege zwangsläufig kreuzen mussten.

Gerade etliche der tschechisch-böhmischen Musiker profitierten im Sinne einer „zweiten böhmischen Schule“ nach dem Wirken ihrer besten Köpfe am Mannheimer Hof in der Vorklassik von Salieris Unterricht: Hier seien nicht nur Anton Koželuh und Ignaz Moscheles, sondern auch Antonio Casimir Cartellieri und Anton Reicha genannt. Als Komponistin wie Pianistin war die blinde Maria Theresia von Paradis wohl eine seiner hoffnungsvollsten und begabtesten Schülerinnen.
Literatur u.a.
Rudolph Angermüller: Antonio Salieri. Dokumente seines Lebens. Bad Honnef 2000.
Timo Jouko Herrmann: Eine klingende Instrumentationslehre – Antonio Salieris „26 Variationen über La Follia di Spagna“. Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Mannheim 2003/04.