Warum nannte gerade der nicht eben bescheidene Ehrenkomponist des Jahres 2020, Ludwig van Beethoven, einen wichtigen Klavierzyklus op. 119 und op. 126 Bagatellen? Wohl aus demselben Grund, den J.S. Bach hatte, einen wichtigen Teil seines Werks für Tasteninstrumente Clavierübung zu nennen, also mit didaktischer Absicht. Demnach liegt keine Bescheidenheitsgeste mit dem Zweck vor, Komplimente zu fischen; „Bagatelle“ ist hier gewissermaßen als „Kleinigkeit“ im Sinne eines „Lehrstücks“ oder einer knappen „Studie“ aufzufassen. Eingehend und anhand von Notenbeispielen beschäftigt sich Ivana Rentsch mit dieser (Selbst-)Zuschreibung in der neuesten Ausgabe 1/2020 der Zeitschrift Die Musikforschung.

In diesem wichtigsten Periodikum der deutschen Gesellschaft für Musikforschung findet sich ein Beitrag zur Interpretationsforschung von Vasiliki Papadopulou anhand der kommentierten Ausgaben wichtiger Werke der Musikgeschichte durch Joseph Joachim, in dem die Autorin, Mitarbeiterin an der Wiener Brahms-Gesamtedition, auch das ganze 19. Jahrhundert danach in den Fokus nimmt. Nach Robert Hirschfeld konzentrierte sich Joachim eben nicht auf den „letzten Willen“ des Komponisten, sondern auf die „Eigenarten der jeweiligen Komposition“, auch wenn dies nur eine Möglichkeit darstellt, Joachims Äußerungen zu instruktiven Ausgaben von Notentexten zu deuten. Bislang in der Musikwissenschaft hierzulande weitgehend unbeachtet blieb die Rezeption deutscher Musik in Japan in der Zeit des Pazifischen Kriegs von 1936 bis 1945, in der die Herausbildung einer gewissermaßen „nationalen Schule“ in der Kunstmusik Japans diskutiert wurde; hier sorgt der Aufsatz der selbst in Japan geborenen Berliner Lehrbeauftragten Minari Bochmann für Erhellung. In einem kleineren Beitrag widmet sich Asbjørn Øfsthus Eriksen Edvard Griegs Klavierstück Lualåt. Sommerminde fra Tyin aus den Stemninger von 1901, von dem in einer älteren Peters-Ausgabe zwei Takte unterdrückt worden sein sollen.

In der neuesten Nummer der Zeitschrift Musik & Ästhetik klopft Julian Caskel musikalische Analysen auf mehr oder weniger unterschwellige Antisemitismen ab, während sich der Ägyptologe Jan Assmann (einmal mehr) des weiten Themenfelds „Kulturelles Gedächtnis“ annimmt, hier in Verbindung mit dem Phänomen Musik. Auch Margareth Thumler reflektiert interpretatorische Überlegungen, nämlich zum „ausdrucksvollen Orgelspiel“, Tobias Schick klärt Bezugnahmen von Helmut Lachenmann auf Richard Strauss.

Aufführungen von Händels Messiah in Dublin um 1740 ging Arnold Whittall in einem Aufsatz der Frühjahrsausgabe 2020 der britischen The Musical Times nach. Robin Maconie steuerte hier zu einem speziellen Aspekt von Boulez‘ Sur incises bei, Allan W. Atlas nimmt Vaughan Williams‘ Serenade in den Blick und der auch auf dem Kontinent weithin rezipierte Experte der Barockzeit, Michael Talbot, spürt dem Geiger Antoine Favre (ca. 1690 – ca. 1739) und seinen Kompositionen nach.